Fragen über Fragen
Monika Böttcher, Ruth E. Geiger: Ich war Monika Weimar
Der Mord an den beiden kleinen Mädchen Melanie und Karola Weimar sorgte 1986 für Schlagzeilen, an die ich mich nicht erinnere. Im Gedächtnis geblieben ist mir nur eine Sache, die dafür aber um so lebhafter - die Ausstrahlung der Tagesschau, in der der Schuldspruch und die Verurteilung Monika Weimars verkündet wurden. Die Verurteilte, die ihr Gesicht verbarg, der Mob, der sie beinahe gelyncht hätte - diese Bilder haben sich in mein damals 9jähriges Hirn gebrannt und sind bis heute geblieben, sie waren ja auch immer wieder mal im Fernsehen zu sehen - das von Schaulustigen und Journalisten umlagerte Auto erinnert an das Geiseldrama von Gladbeck, das sich im gleichen Jahr ereignete. Waren wir Deutschen 1988 besonders sensationslüstern...? Nein, waren wir wohl nicht. Es war eine andere Zeit - nur 3 Fernsehprogramme, Sendeschluß und Testbild, kein Internet und keine Handys, keine Informationsflut wie heute. Ich wage zu behaupten, daß eine Geiselnahme wie die in Gladbeck heutzutage passieren könnte, ohne daß es jemand merkt, weil die Passanten aufs Smartphone starren ...
1988 wurde Monika Weimar schuldig gesprochen und verurteilt, 1997 in einem Wiederaufnahmeverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen, 1999 erneut verurteilt und 2006, nachdem sie die Mindeststrafe von 15 Jahren verbüßt hatte, freigelassen. Bis zuletzt beteuerte sie ihre Unschuld und bezichtigte ihren Ex-Mann Reinhard Weimar der Tat. Reinhard Weimar starb 2012 an Herzversagen, was Monika Weimar, die mittlerweile wieder Böttcher heißt, heute macht, habe ich nicht herausgefunden.
Der Fall ist interessant, aber auch ungeheuer frustrierend, weil er nicht lückenlos aufgeklärt wurde. Es war ein Indizienprozeß, es gab keine Tatzeugen, keinen eindeutigen Beweis, kein eindeutiges Motiv und kein Geständnis. Im Internet findet man viele interessante Artikel über den Fall (u. a. von Gerhard Strate, Gerhard Mauz, Gisela Friedrichsen und Viola Roggenkamp), die alle spannend und gut geschrieben sind, einander aber so sehr widersprechen, daß man hinterher genauso schlau ist wie vorher. Alle Informationen sind mit Vorsicht zu genießen, denn offenbar überlegen sich die Autoren genau, was sie erwähnen und was nicht.
Und so bleiben unzählige Fragen offen. Wenn Monika Weimar unschuldig war, warum hat sie sich dann in soviele Widersprüche verwickelt? Weil sie unter Medikamenteneinfluß stand und dem Druck der stundenlangen Verhöre nicht gewachsen war? Warum hat sie nach der Vermißtenmeldung nicht einfach gar nichts mehr gesagt? Ohne ihre Lügengeschichten, so der damalige Staatsanwalt in "Die großen Kriminalfälle", hätte es keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage gegeben. Wie glaubwürdig ist die sogenannte "Nachtversion", der zufolge sie nach Hause kam und die Kinder, ermordet vom Vater, vorfand? War ihr Verhalten in dieser Situation nachvollziehbar? Welche "normale" Mutter kann schon sagen, wie sie sich verhalten würde, wenn sie nach Hause kommen und ihre Kinder tot vorfinden würde? Wenn sie schuldig war, was war ihr Motiv? Daß ihr die Kinder im Wege waren? Hätte es dann nicht gereicht, die beiden einfach beim Vater zurückzulassen? Wollte sie die beiden lieber tot sehen, als sie dem verhaßten Ehemann zu überlassen? Und warum hat sie, nachdem sie schon mal verurteilt war und "saß", nicht einfach gestanden und die ganze Wahrheit erzählt? Wenn es ihr Mann war, welches Motiv hätte er gehabt? Wollte er die Kinder auch loswerden oder sie seiner Frau wegnehmen? War es ein Blackout aufgrund seiner psychischen Krankheit? Seit wann war er überhaupt psychisch krank, und warum war er es? Schon vor dem Tod der Kinder, weil seine Frau ihn heimlich mit Medikamenten vergiftet hat, an die sie als Krankenschwester leicht herankam? Hat sie ihn wirklich vergiftet, oder war das nur ein Hirngespinst von ihm? Oder wurde er erst nach dem Tod der Töchter krank? Vor Kummer über den Verlust? Aus Schuldgefühl, weil er der Täter war? Oder weil die Verdächtigungen, denen er bis zuletzt ausgesetzt war, ihn wahnsinnig gemacht haben? Und war es überhaupt ein Mord - oder vielleicht "nur" Totschlag im Affekt? Wie (un)voreingenommen und (un)glaubwürdig sind / waren die Zeugen (Nachbarn, Verwandte, Bekannte, eine Psychiatrie-Patientin)?
Fragen über Fragen, die offen bleiben, und eine neutrale Darstellung, die ALLES berücksichtigt, habe ich bisher nicht gefunden. Für die einen ist Monika Weimar eine zu Recht verurteilte brutale Mörderin, für die anderen das Opfer einer Hexenjagd, das verurteilt wurde, weil es keine treue Ehefrau war. Am meisten frappiert mich, daß soviele Leute glauben, "sicher" zu sein. Wie kann jemand sicher sein, daß Monika Weimar unschuldig ist, wenn soviel gegen sie spricht? Wie kann jemand sagen "Eine Mutter bringt nie ihre Kinder um" - lesen solche Leute keine Zeitung, hören und sehen sie keine Nachrichten? Und wie kann Gisela Friedrichsen im Spiegel schreiben, an der Schuld der Angeklagten sei "nicht zu zweifeln" gewesen, denn es habe eine "lückenlose Beweiskette" gegeben - obwohl es ein Indizienprozeß war? Ich selbst kann mich nicht für eine Seite entscheiden, sondern nur sagen, daß ich auf keinen Fall Richterin sein möchte!
Aber nun endlich zu dem Buch. An dieses Werk hatte ich keine großen Erwartungen, denn daß man DARIN keine neutrale Darstellung findet, die ich mir von Journalisten und Juristen so sehr wünsche, ist selbstverständlich. Klar, daß Monika Böttcher auch hier ihre Unschuld beteuern würde. Das tut sie natürlich auch, aber trotzdem fand ich das Buch interessanter als erwartet.
Umgehauen hat mich das Vorwort der Co-Autorin Ruth-Esther Geiger oder vielmehr deren Feststellung, die beiden Kinder seien auf "sanfte" Art getötet worden, nämlich durch Ersticken bzw. Erwürgen. Wie bitte??? Jeder, der sich mal verschluckt hat, weiß doch wohl, wie schlimm es ist, keine Luft mehr zu bekommen. Es kann also kein Zweifel bestehen, daß Ersticken und Erwürgen eine brutale Methode ist und daß der Tod der Kinder, wenn sie bei Bewußtsein waren, ein grausamer war. Das Nachwort ist auch nicht viel besser, denn es enthält zwar keine Absurditäten, ist aber schlecht geschrieben - eine promovierte Literaturwissenschaftlerin sollte zumindest wissen, daß es "insofern, als" heißt und nicht "insofern, weil"! Ist das zuviel verlangt?
Monika Böttcher schildert ihr Leben - Kindheit und Jugend in einem kleinen Nest in Hessen, die Bekanntschaft mit Reinhard Weimar, die frühe Heirat, nicht aus großer Liebe, sondern aus Sympathie und um noch jemanden abzubekommen (sie dachte mit 19 schon, daß sie keinen Mann mehr finden würde), die Geburt der Kinder, das langsame Zerbrechen der Ehe mit Reinhard Weimar - allmähliches Auseinanderleben, Streit, Alkohol und Schläge - und natürlich eine bösartige Schwiegermutter! Eine traurige Geschichte, aber leider furchtbar alltäglich.
Der triste Spießeralltag findet ein jähes Ende, als die beiden Töchter der Weimars verschwinden und wenig später ermordet aufgefunden werden. Schnell ist klar, daß nur die Eltern als Täter in Frage kommen. Die sogenannte "Nachtversion" hört sich extrem unglaubwürdig an. Alles andere wirkt (auf mich) authentisch, das Vorher ebenso wie das Nachher, "nur" Monika Böttchers Version des Tathergangs nicht. Was sollten all die Lügen - und die albernen Drohbriefe, die sie an ihren Mann geschrieben hat?
Der Geliebte Kevin Pratt bleibt übrigens sehr blaß in diesem Buch, und den Eindruck einer großen Liebe hatte ich auch nicht. Gefühlsausbrüche scheinen ohnehin nicht Monika Böttchers Sache zu sein, alle ihre Schilderungen wirken irgendwie unbeteiligt - auch dann, wenn von Trauer um die Kinder, von Wut auf ihren Mann, von Verzweiflung über das Eingesperrtsein und der ewigen Hoffnung auf Freilassung die Rede ist, klingt alles seltsam ungerührt. Oder kommt es mir nur so vor, weil die Frau im Fernsehen immer so extrem kühl wirkte und so gar keine Ausstrahlung zu haben schien - eine graue Maus mit Piepsstimme?
Übrigens meine ich das gar nicht abwertend, im Gegenteil, ich hatte mir das Buch deutlich weinerlicher vorgestellt und war eigentlich positiv überrascht, daß die Autorin offenbar NICHT vor Selbstmitleid zerfließt. Wer mag schon Jammerlappen?! Wenn Monika Böttcher unschuldig ist, hat sie natürlich allen Grund zur Klage. Beide Kinder verloren, den Geliebten verloren, von einer gnadenlosen Öffentlichkeit gebrandmarkt als Mörderin und "Ami-Hure", 15 Jahre im Gefängnis verbracht. Sollte sie schuldig sein, hat sie Grund zur Dankbarkeit, weil sie doch recht gut weggekommen ist - in der Haft eine Ausbildung gemacht, die letzten zwei Jahre als Freigängerin verbracht, vorzeitige Entlassung ohne Auflagen nach 15 Jahren (soweit ich weiß, gibt es das sehr selten, schon gar nicht bei Doppelmord und hartnäckigem Leugnen).
Das Buch liest sich übrigens sehr schnell, was auch kein Wunder ist - die Autorin war ja erst 29, als sie ins Gefängnis kam, und als das Buch erschien, hatte sie schon 9 Jahre gesessen - da gibt es nicht viel zu erzählen. Eine große Rolle spielt natürlich das Leben im Gefängnis - eigentlich ein ähnlich trister Alltag wie zuvor in der zerrütteten Ehe! Ich hatte nie zuvor die Schilderungen eines Häftlings gelesen, und in diesem Buch wird sehr deutlich, wie sehr Strafgefangene von der Außenwelt abgeschnitten sind (so ist z. B. die erste Fahrt mit einem ICE ein Riesenereignis).
Ein Stern Abzug für teils unglaubwürdige Schilderungen der Autorin und noch ein Stern Abzug für das Vorwort und das Nachwort. Frau Böttcher hätte besser auf die Mitwirkung dieser Co-Autorin verzichtet!
P. S.: Mittlerweile gibt es angeblich neue Erkenntnisse zu dem Fall. Monika Böttchers ehemaliger Schwager, der amerikanische Ex-Mann ihrer Schwester, wird verdächtigt, etwas mit dem Mord an den beiden Kindern zu tun zu haben. Er ist nach der Scheidung in seine Heimat zurückgekehrt und hat dort für sexuellen Mißbrauch an Kindern im Gefängnis gesessen, 16 Jahre lang, also länger als seine Schwägerin für zweifachen Mord. Was für eine Familie ...
Der Mord an den beiden kleinen Mädchen Melanie und Karola Weimar sorgte 1986 für Schlagzeilen, an die ich mich nicht erinnere. Im Gedächtnis geblieben ist mir nur eine Sache, die dafür aber um so lebhafter - die Ausstrahlung der Tagesschau, in der der Schuldspruch und die Verurteilung Monika Weimars verkündet wurden. Die Verurteilte, die ihr Gesicht verbarg, der Mob, der sie beinahe gelyncht hätte - diese Bilder haben sich in mein damals 9jähriges Hirn gebrannt und sind bis heute geblieben, sie waren ja auch immer wieder mal im Fernsehen zu sehen - das von Schaulustigen und Journalisten umlagerte Auto erinnert an das Geiseldrama von Gladbeck, das sich im gleichen Jahr ereignete. Waren wir Deutschen 1988 besonders sensationslüstern...? Nein, waren wir wohl nicht. Es war eine andere Zeit - nur 3 Fernsehprogramme, Sendeschluß und Testbild, kein Internet und keine Handys, keine Informationsflut wie heute. Ich wage zu behaupten, daß eine Geiselnahme wie die in Gladbeck heutzutage passieren könnte, ohne daß es jemand merkt, weil die Passanten aufs Smartphone starren ...
1988 wurde Monika Weimar schuldig gesprochen und verurteilt, 1997 in einem Wiederaufnahmeverfahren aus Mangel an Beweisen freigesprochen, 1999 erneut verurteilt und 2006, nachdem sie die Mindeststrafe von 15 Jahren verbüßt hatte, freigelassen. Bis zuletzt beteuerte sie ihre Unschuld und bezichtigte ihren Ex-Mann Reinhard Weimar der Tat. Reinhard Weimar starb 2012 an Herzversagen, was Monika Weimar, die mittlerweile wieder Böttcher heißt, heute macht, habe ich nicht herausgefunden.
Der Fall ist interessant, aber auch ungeheuer frustrierend, weil er nicht lückenlos aufgeklärt wurde. Es war ein Indizienprozeß, es gab keine Tatzeugen, keinen eindeutigen Beweis, kein eindeutiges Motiv und kein Geständnis. Im Internet findet man viele interessante Artikel über den Fall (u. a. von Gerhard Strate, Gerhard Mauz, Gisela Friedrichsen und Viola Roggenkamp), die alle spannend und gut geschrieben sind, einander aber so sehr widersprechen, daß man hinterher genauso schlau ist wie vorher. Alle Informationen sind mit Vorsicht zu genießen, denn offenbar überlegen sich die Autoren genau, was sie erwähnen und was nicht.
Und so bleiben unzählige Fragen offen. Wenn Monika Weimar unschuldig war, warum hat sie sich dann in soviele Widersprüche verwickelt? Weil sie unter Medikamenteneinfluß stand und dem Druck der stundenlangen Verhöre nicht gewachsen war? Warum hat sie nach der Vermißtenmeldung nicht einfach gar nichts mehr gesagt? Ohne ihre Lügengeschichten, so der damalige Staatsanwalt in "Die großen Kriminalfälle", hätte es keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage gegeben. Wie glaubwürdig ist die sogenannte "Nachtversion", der zufolge sie nach Hause kam und die Kinder, ermordet vom Vater, vorfand? War ihr Verhalten in dieser Situation nachvollziehbar? Welche "normale" Mutter kann schon sagen, wie sie sich verhalten würde, wenn sie nach Hause kommen und ihre Kinder tot vorfinden würde? Wenn sie schuldig war, was war ihr Motiv? Daß ihr die Kinder im Wege waren? Hätte es dann nicht gereicht, die beiden einfach beim Vater zurückzulassen? Wollte sie die beiden lieber tot sehen, als sie dem verhaßten Ehemann zu überlassen? Und warum hat sie, nachdem sie schon mal verurteilt war und "saß", nicht einfach gestanden und die ganze Wahrheit erzählt? Wenn es ihr Mann war, welches Motiv hätte er gehabt? Wollte er die Kinder auch loswerden oder sie seiner Frau wegnehmen? War es ein Blackout aufgrund seiner psychischen Krankheit? Seit wann war er überhaupt psychisch krank, und warum war er es? Schon vor dem Tod der Kinder, weil seine Frau ihn heimlich mit Medikamenten vergiftet hat, an die sie als Krankenschwester leicht herankam? Hat sie ihn wirklich vergiftet, oder war das nur ein Hirngespinst von ihm? Oder wurde er erst nach dem Tod der Töchter krank? Vor Kummer über den Verlust? Aus Schuldgefühl, weil er der Täter war? Oder weil die Verdächtigungen, denen er bis zuletzt ausgesetzt war, ihn wahnsinnig gemacht haben? Und war es überhaupt ein Mord - oder vielleicht "nur" Totschlag im Affekt? Wie (un)voreingenommen und (un)glaubwürdig sind / waren die Zeugen (Nachbarn, Verwandte, Bekannte, eine Psychiatrie-Patientin)?
Fragen über Fragen, die offen bleiben, und eine neutrale Darstellung, die ALLES berücksichtigt, habe ich bisher nicht gefunden. Für die einen ist Monika Weimar eine zu Recht verurteilte brutale Mörderin, für die anderen das Opfer einer Hexenjagd, das verurteilt wurde, weil es keine treue Ehefrau war. Am meisten frappiert mich, daß soviele Leute glauben, "sicher" zu sein. Wie kann jemand sicher sein, daß Monika Weimar unschuldig ist, wenn soviel gegen sie spricht? Wie kann jemand sagen "Eine Mutter bringt nie ihre Kinder um" - lesen solche Leute keine Zeitung, hören und sehen sie keine Nachrichten? Und wie kann Gisela Friedrichsen im Spiegel schreiben, an der Schuld der Angeklagten sei "nicht zu zweifeln" gewesen, denn es habe eine "lückenlose Beweiskette" gegeben - obwohl es ein Indizienprozeß war? Ich selbst kann mich nicht für eine Seite entscheiden, sondern nur sagen, daß ich auf keinen Fall Richterin sein möchte!
Aber nun endlich zu dem Buch. An dieses Werk hatte ich keine großen Erwartungen, denn daß man DARIN keine neutrale Darstellung findet, die ich mir von Journalisten und Juristen so sehr wünsche, ist selbstverständlich. Klar, daß Monika Böttcher auch hier ihre Unschuld beteuern würde. Das tut sie natürlich auch, aber trotzdem fand ich das Buch interessanter als erwartet.
Umgehauen hat mich das Vorwort der Co-Autorin Ruth-Esther Geiger oder vielmehr deren Feststellung, die beiden Kinder seien auf "sanfte" Art getötet worden, nämlich durch Ersticken bzw. Erwürgen. Wie bitte??? Jeder, der sich mal verschluckt hat, weiß doch wohl, wie schlimm es ist, keine Luft mehr zu bekommen. Es kann also kein Zweifel bestehen, daß Ersticken und Erwürgen eine brutale Methode ist und daß der Tod der Kinder, wenn sie bei Bewußtsein waren, ein grausamer war. Das Nachwort ist auch nicht viel besser, denn es enthält zwar keine Absurditäten, ist aber schlecht geschrieben - eine promovierte Literaturwissenschaftlerin sollte zumindest wissen, daß es "insofern, als" heißt und nicht "insofern, weil"! Ist das zuviel verlangt?
Monika Böttcher schildert ihr Leben - Kindheit und Jugend in einem kleinen Nest in Hessen, die Bekanntschaft mit Reinhard Weimar, die frühe Heirat, nicht aus großer Liebe, sondern aus Sympathie und um noch jemanden abzubekommen (sie dachte mit 19 schon, daß sie keinen Mann mehr finden würde), die Geburt der Kinder, das langsame Zerbrechen der Ehe mit Reinhard Weimar - allmähliches Auseinanderleben, Streit, Alkohol und Schläge - und natürlich eine bösartige Schwiegermutter! Eine traurige Geschichte, aber leider furchtbar alltäglich.
Der triste Spießeralltag findet ein jähes Ende, als die beiden Töchter der Weimars verschwinden und wenig später ermordet aufgefunden werden. Schnell ist klar, daß nur die Eltern als Täter in Frage kommen. Die sogenannte "Nachtversion" hört sich extrem unglaubwürdig an. Alles andere wirkt (auf mich) authentisch, das Vorher ebenso wie das Nachher, "nur" Monika Böttchers Version des Tathergangs nicht. Was sollten all die Lügen - und die albernen Drohbriefe, die sie an ihren Mann geschrieben hat?
Der Geliebte Kevin Pratt bleibt übrigens sehr blaß in diesem Buch, und den Eindruck einer großen Liebe hatte ich auch nicht. Gefühlsausbrüche scheinen ohnehin nicht Monika Böttchers Sache zu sein, alle ihre Schilderungen wirken irgendwie unbeteiligt - auch dann, wenn von Trauer um die Kinder, von Wut auf ihren Mann, von Verzweiflung über das Eingesperrtsein und der ewigen Hoffnung auf Freilassung die Rede ist, klingt alles seltsam ungerührt. Oder kommt es mir nur so vor, weil die Frau im Fernsehen immer so extrem kühl wirkte und so gar keine Ausstrahlung zu haben schien - eine graue Maus mit Piepsstimme?
Übrigens meine ich das gar nicht abwertend, im Gegenteil, ich hatte mir das Buch deutlich weinerlicher vorgestellt und war eigentlich positiv überrascht, daß die Autorin offenbar NICHT vor Selbstmitleid zerfließt. Wer mag schon Jammerlappen?! Wenn Monika Böttcher unschuldig ist, hat sie natürlich allen Grund zur Klage. Beide Kinder verloren, den Geliebten verloren, von einer gnadenlosen Öffentlichkeit gebrandmarkt als Mörderin und "Ami-Hure", 15 Jahre im Gefängnis verbracht. Sollte sie schuldig sein, hat sie Grund zur Dankbarkeit, weil sie doch recht gut weggekommen ist - in der Haft eine Ausbildung gemacht, die letzten zwei Jahre als Freigängerin verbracht, vorzeitige Entlassung ohne Auflagen nach 15 Jahren (soweit ich weiß, gibt es das sehr selten, schon gar nicht bei Doppelmord und hartnäckigem Leugnen).
Das Buch liest sich übrigens sehr schnell, was auch kein Wunder ist - die Autorin war ja erst 29, als sie ins Gefängnis kam, und als das Buch erschien, hatte sie schon 9 Jahre gesessen - da gibt es nicht viel zu erzählen. Eine große Rolle spielt natürlich das Leben im Gefängnis - eigentlich ein ähnlich trister Alltag wie zuvor in der zerrütteten Ehe! Ich hatte nie zuvor die Schilderungen eines Häftlings gelesen, und in diesem Buch wird sehr deutlich, wie sehr Strafgefangene von der Außenwelt abgeschnitten sind (so ist z. B. die erste Fahrt mit einem ICE ein Riesenereignis).
Ein Stern Abzug für teils unglaubwürdige Schilderungen der Autorin und noch ein Stern Abzug für das Vorwort und das Nachwort. Frau Böttcher hätte besser auf die Mitwirkung dieser Co-Autorin verzichtet!
P. S.: Mittlerweile gibt es angeblich neue Erkenntnisse zu dem Fall. Monika Böttchers ehemaliger Schwager, der amerikanische Ex-Mann ihrer Schwester, wird verdächtigt, etwas mit dem Mord an den beiden Kindern zu tun zu haben. Er ist nach der Scheidung in seine Heimat zurückgekehrt und hat dort für sexuellen Mißbrauch an Kindern im Gefängnis gesessen, 16 Jahre lang, also länger als seine Schwägerin für zweifachen Mord. Was für eine Familie ...
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