Evergreen
Emmy von Rhoden: Der Trotzkopf
Ein Gutshof in Pommern Ende des 19. Jahrhunderts. Die 15jährige Ilse, deren Mutter kurz nach ihrer Geburt gestorben ist, wächst als Einzelkind wild auf. Der schwache Vater läßt dem Mädchen alles durchgehen, sie wickelt ihn um den Finger und hat alle Gouvernanten erfolgreich vergrault. Die schöne Freiheit (auch die Hausangestellten haben sie genossen) hat ein Ende, als Ilses Vater Richard wieder heiratet. Die Stiefmutter, "Frau Anne", will aus dem Mädchen eine wohlerzogene junge Dame machen, scheitert jedoch kläglich an Ilses "Trotzkopf". Interessant ist, daß eigentlich nur Frauen ein Problem mit Ilses Verhalten haben - ihr Vater ist zufrieden mit ihr, ein Besucher meint, die Kleine habe Temperament - seine Frau hingegen findet das wilde Mädchen schrecklich -, und auch im Pensionat eckt Ilse vor allem bei den Lehrerinnen an, die Männer im Kollegium (Dr. Althoff und Monsieur Michel) sind beide begeistert von ihr. Der Vorschlag, Ilse ins Internat zu schicken, kommt zwar vom Pfarrer und nicht direkt von der Stiefmutter, aber ich denke, die Autorin hat den Geistlichen eingebaut, damit die Stiefmutter nicht zu unsympathisch wird.
Schließlich kommen auch Ilses Vater Bedenken wegen der "Zukunft" seiner Tochter. Die Erwachsenen fürchten den "größten anzunehmenden Unfall", nämlich die Nichtheirat, und so wird das unbotmäßige Mädchen ins Internat verbannt. An Bildung weit hinter ihren Altersgenossinnen zurück, von Heimweh geplagt und mit einem hitzigen Temperament geschlagen, eckt Ilse zunächst an, findet aber auch schnell Freundinnen. Vor allem mit ihrer Zimmergenossin Nellie und der jungen Lehrerin Fräulein Güssow versteht sie sich gut. Ihre Natürlichkeit, ihr Mitgefühl für Menschen in Not und ihre Aufrichtigkeit bringen ihr viel Sympathie ein.
Nach und nach lernt sie alles, was eine Frau ihrer Zeit können mußte: Unterordnung, Hausarbeit, Fürsorge für ein Kind (die kleine Lilli), wozu auch Krankenpflege und der Verzicht auf Vergnügungen gehören (Ilse verläßt einen Ball, um sich um das kranke Mädchen zu kümmern), den Tod eines Kindes verkraften (in einer Zeit hoher Kindersterblichkeit mußten alle Eltern mit dem Verlust mindestens eines Sprößlings rechnen) und ja, auch ein bißchen Bildung, aber nur, damit sie ihren zukünftigen Gatten nicht allzu sehr langweilt und er sich nicht für sie schämen muß. Berufstätigkeit wird nicht angestrebt, im Gegenteil, "selbst ihr Brot verdienen" zu müssen, ist das Schlimmste, was einer Frau passieren kann, und diese Drohung führt auch zur entscheidenden Wendung. Die Schulleiterin blamiert Ilse wegen einer mißlungenen Handarbeit vor der ganzen Klasse, Ilse reagiert mit einem Wutanfall und entschuldigt sich erst, nachdem Fräulein Güssow ihr zur Warnung die Geschichte des Mädchens Luzie erzählt, dessen Verlobter die Flucht ergriffen hat und das sich nach dem Bankrott der Familie als Lehrerin durchschlagen muß.
Als wohlerzogene junge Dame kehrt Ilse heim und trifft sofort auf ihren Zukünftigen. Die Geschichte endet mit ihrer Verlobung, ihre Freundin Nellie heiratet den Deutschlehrer und muß keine Gouvernante werden, und Fräulein Güssow (die die Luzie aus der Warnerzählung ist) trifft ihren verschwundenen Verlobten wieder und hängt natürlich ihren Beruf an den Nagel.
Natürlich kann man sich über dieses Buch gehörig aufregen. Als Erziehungsratgeber würde ich es auch nicht empfehlen, und die Botschaft "Verbieg dich, dann wirst du belohnt" kann durchaus gefährlich werden, wenn die Leserinnen sie befolgen. Und ja, die Bloßstellung Ilses vor versammelter Mannschaft ist gemein. Aber die Autorin hatte sich auch eine schwere Aufgabe gestellt - die Heldin muß Krach schlagen, darf dabei aber nicht unsympathisch werden. Man muß sie zumindest ein wenig verstehen können, um sich mit ihr zu identifizieren. Und daß eine 15jährige gegen ihre Stiefmutter rebelliert und keine Lust zum Lernen hat, ist auch nicht ungewöhnlich - dieser Teil der Geschichte könnte ohne weiteres heute spielen. Was es wohl auch schon immer gab, ist Jugendsprache - in dieser Zeit ist "famos" das Modewort.
Und natürlich darf man nicht vergessen, in welcher Zeit die Geschichte spielt. Spätes 19. Jahrhundert, der Deutsch-Französische Krieg liegt erst wenige Jahre zurück, und was hat ein Krieg zur Folge? Richtig - einen Mangel an heiratsfähigen Männern. Wahrscheinlich sind viele Soldaten gefallen, andere mit körperlichen Gebrechen nach Hause gekommen, ganz zu schweigen von denen, die aufgrund eines Traumas keine Familie mehr ernähren konnten. So werden viele Frauen keinen Mann abbekommen haben. Man muß sich fragen: Welche Aussichten hat Ilse, wenn sie auf dem Heiratsmarkt leer ausgeht? Sie kann zu Hause versauern, als mitleidig geduldete alte Jungfer, die von ihrer Familie durchgefüttert werden muß. Nicht einmal auf ein reiches Erbe kann sie hoffen, denn ihre Stiefmutter hat einen Sohn geboren und damit ihre Vorgängerin übertrumpft, die nur ein Mädchen zur Welt gebracht hat (vielleicht hat Ilses Vater nur wieder geheiratet, weil er einen Stammhalter brauchte?). Und warum war Berufstätigkeit ein so schreckliches Schicksal? Wahrscheinlich deshalb, weil es keine guten Jobs für Frauen gab - Lehrerin, Fabrikarbeiterin, Schneiderin, schlimmstenfalls Prostituierte - viel mehr war nicht drin. Oder doch? Im nächsten Band strebt Ilses Freundin Orla ein Medizinstudium an - das gilt als unerhört gewagter Schritt, und es kommt auch nicht dazu. Aber immerhin hat sie den Plan - das ist schon ein Fortschritt. Auch Ilse verbiegt sich nicht ganz - ihr hitziges Temperament behält sie bis ins Alter, sie lernt nur, sich zu beherrschen.
Ilse ist ein liebenswerter Charakter, Nellie ist witzig, und beide haben reale Vorbilder - Ilse gab es wirklich, nur hieß sie Else und war die Tochter der Autorin (und schrieb die Bände 2 und 3). Nellie Grey hieß eigentlich Nellie Gladstone, und das Pensionat, das Else als Tagesschülerin besuchte, befand sich in Eisenach in der Marienstraße 13 - so sieht es dort heute aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Marienstra%C3%9Fe_13,_1,_Eisenach.jpg. Das Vorbild für Fräulein Raimar war die Internatsleiterin Auguste Möder, Fräulein Güssow ist der umschwärmten jungen Lehrerin Emma Schwartz nachempfunden und Miss Lead der unpopulären Englischlehrerin Miss Wood.
Das Buch ist zu Recht ein Evergreen, schade nur, daß die Autorin ihren Riesenerfolg nicht mehr erlebt hat - sie starb noch vor der Veröffentlichung.
Ein Gutshof in Pommern Ende des 19. Jahrhunderts. Die 15jährige Ilse, deren Mutter kurz nach ihrer Geburt gestorben ist, wächst als Einzelkind wild auf. Der schwache Vater läßt dem Mädchen alles durchgehen, sie wickelt ihn um den Finger und hat alle Gouvernanten erfolgreich vergrault. Die schöne Freiheit (auch die Hausangestellten haben sie genossen) hat ein Ende, als Ilses Vater Richard wieder heiratet. Die Stiefmutter, "Frau Anne", will aus dem Mädchen eine wohlerzogene junge Dame machen, scheitert jedoch kläglich an Ilses "Trotzkopf". Interessant ist, daß eigentlich nur Frauen ein Problem mit Ilses Verhalten haben - ihr Vater ist zufrieden mit ihr, ein Besucher meint, die Kleine habe Temperament - seine Frau hingegen findet das wilde Mädchen schrecklich -, und auch im Pensionat eckt Ilse vor allem bei den Lehrerinnen an, die Männer im Kollegium (Dr. Althoff und Monsieur Michel) sind beide begeistert von ihr. Der Vorschlag, Ilse ins Internat zu schicken, kommt zwar vom Pfarrer und nicht direkt von der Stiefmutter, aber ich denke, die Autorin hat den Geistlichen eingebaut, damit die Stiefmutter nicht zu unsympathisch wird.
Schließlich kommen auch Ilses Vater Bedenken wegen der "Zukunft" seiner Tochter. Die Erwachsenen fürchten den "größten anzunehmenden Unfall", nämlich die Nichtheirat, und so wird das unbotmäßige Mädchen ins Internat verbannt. An Bildung weit hinter ihren Altersgenossinnen zurück, von Heimweh geplagt und mit einem hitzigen Temperament geschlagen, eckt Ilse zunächst an, findet aber auch schnell Freundinnen. Vor allem mit ihrer Zimmergenossin Nellie und der jungen Lehrerin Fräulein Güssow versteht sie sich gut. Ihre Natürlichkeit, ihr Mitgefühl für Menschen in Not und ihre Aufrichtigkeit bringen ihr viel Sympathie ein.
Nach und nach lernt sie alles, was eine Frau ihrer Zeit können mußte: Unterordnung, Hausarbeit, Fürsorge für ein Kind (die kleine Lilli), wozu auch Krankenpflege und der Verzicht auf Vergnügungen gehören (Ilse verläßt einen Ball, um sich um das kranke Mädchen zu kümmern), den Tod eines Kindes verkraften (in einer Zeit hoher Kindersterblichkeit mußten alle Eltern mit dem Verlust mindestens eines Sprößlings rechnen) und ja, auch ein bißchen Bildung, aber nur, damit sie ihren zukünftigen Gatten nicht allzu sehr langweilt und er sich nicht für sie schämen muß. Berufstätigkeit wird nicht angestrebt, im Gegenteil, "selbst ihr Brot verdienen" zu müssen, ist das Schlimmste, was einer Frau passieren kann, und diese Drohung führt auch zur entscheidenden Wendung. Die Schulleiterin blamiert Ilse wegen einer mißlungenen Handarbeit vor der ganzen Klasse, Ilse reagiert mit einem Wutanfall und entschuldigt sich erst, nachdem Fräulein Güssow ihr zur Warnung die Geschichte des Mädchens Luzie erzählt, dessen Verlobter die Flucht ergriffen hat und das sich nach dem Bankrott der Familie als Lehrerin durchschlagen muß.
Als wohlerzogene junge Dame kehrt Ilse heim und trifft sofort auf ihren Zukünftigen. Die Geschichte endet mit ihrer Verlobung, ihre Freundin Nellie heiratet den Deutschlehrer und muß keine Gouvernante werden, und Fräulein Güssow (die die Luzie aus der Warnerzählung ist) trifft ihren verschwundenen Verlobten wieder und hängt natürlich ihren Beruf an den Nagel.
Natürlich kann man sich über dieses Buch gehörig aufregen. Als Erziehungsratgeber würde ich es auch nicht empfehlen, und die Botschaft "Verbieg dich, dann wirst du belohnt" kann durchaus gefährlich werden, wenn die Leserinnen sie befolgen. Und ja, die Bloßstellung Ilses vor versammelter Mannschaft ist gemein. Aber die Autorin hatte sich auch eine schwere Aufgabe gestellt - die Heldin muß Krach schlagen, darf dabei aber nicht unsympathisch werden. Man muß sie zumindest ein wenig verstehen können, um sich mit ihr zu identifizieren. Und daß eine 15jährige gegen ihre Stiefmutter rebelliert und keine Lust zum Lernen hat, ist auch nicht ungewöhnlich - dieser Teil der Geschichte könnte ohne weiteres heute spielen. Was es wohl auch schon immer gab, ist Jugendsprache - in dieser Zeit ist "famos" das Modewort.
Und natürlich darf man nicht vergessen, in welcher Zeit die Geschichte spielt. Spätes 19. Jahrhundert, der Deutsch-Französische Krieg liegt erst wenige Jahre zurück, und was hat ein Krieg zur Folge? Richtig - einen Mangel an heiratsfähigen Männern. Wahrscheinlich sind viele Soldaten gefallen, andere mit körperlichen Gebrechen nach Hause gekommen, ganz zu schweigen von denen, die aufgrund eines Traumas keine Familie mehr ernähren konnten. So werden viele Frauen keinen Mann abbekommen haben. Man muß sich fragen: Welche Aussichten hat Ilse, wenn sie auf dem Heiratsmarkt leer ausgeht? Sie kann zu Hause versauern, als mitleidig geduldete alte Jungfer, die von ihrer Familie durchgefüttert werden muß. Nicht einmal auf ein reiches Erbe kann sie hoffen, denn ihre Stiefmutter hat einen Sohn geboren und damit ihre Vorgängerin übertrumpft, die nur ein Mädchen zur Welt gebracht hat (vielleicht hat Ilses Vater nur wieder geheiratet, weil er einen Stammhalter brauchte?). Und warum war Berufstätigkeit ein so schreckliches Schicksal? Wahrscheinlich deshalb, weil es keine guten Jobs für Frauen gab - Lehrerin, Fabrikarbeiterin, Schneiderin, schlimmstenfalls Prostituierte - viel mehr war nicht drin. Oder doch? Im nächsten Band strebt Ilses Freundin Orla ein Medizinstudium an - das gilt als unerhört gewagter Schritt, und es kommt auch nicht dazu. Aber immerhin hat sie den Plan - das ist schon ein Fortschritt. Auch Ilse verbiegt sich nicht ganz - ihr hitziges Temperament behält sie bis ins Alter, sie lernt nur, sich zu beherrschen.
Ilse ist ein liebenswerter Charakter, Nellie ist witzig, und beide haben reale Vorbilder - Ilse gab es wirklich, nur hieß sie Else und war die Tochter der Autorin (und schrieb die Bände 2 und 3). Nellie Grey hieß eigentlich Nellie Gladstone, und das Pensionat, das Else als Tagesschülerin besuchte, befand sich in Eisenach in der Marienstraße 13 - so sieht es dort heute aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Marienstra%C3%9Fe_13,_1,_Eisenach.jpg. Das Vorbild für Fräulein Raimar war die Internatsleiterin Auguste Möder, Fräulein Güssow ist der umschwärmten jungen Lehrerin Emma Schwartz nachempfunden und Miss Lead der unpopulären Englischlehrerin Miss Wood.
Das Buch ist zu Recht ein Evergreen, schade nur, daß die Autorin ihren Riesenerfolg nicht mehr erlebt hat - sie starb noch vor der Veröffentlichung.
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