Bewegend, aber schwer nachvollziehbar

Susanne Juhnke: In guten und in schlechten Tagen

Ich habe alle Rezensionen auf dieser Seite gelesen und kann mich weder den positiven noch den negativen anschließen.

Susanne Juhnke schildert ihr Leben mit Harald Juhnke bzw. läßt es schildern, denn wie die meisten Promis hat sie nicht selbst geschrieben, sondern schreiben lassen (von Beate Wedekind).

Susanne Juhnke geb. Hsiao (sprich "Schau"), Tochter eines chinesischen Vaters und einer deutschen Mutter, hat einen interessanten familiären Hintergrund, sie hatte eine gute Ausbildung und eine gute Stelle beim "Tagesspiegel", die sie aber aufgab, um sich der Schauspielerei zu widmen. Auch auf diesem Gebiet hätte sie Karriere machen können, doch als Harald Juhnke in ihr Leben trat, war es mit der Eigenständigkeit vorbei. Sie hängte ihre eigenen Pläne an den Nagel, noch dazu "ohne Bedauern", wie sie schreibt. Warum tat sie das? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Susanne Hsiaos Traum das Jetset-Leben war - und das konnte Harald Juhnke ihr bieten, sie mußte sich also nicht mehr selbst abrackern.

Was die Schilderung des Schickimicki-Lebens und die ständigen Erwähnungen prominenter Bekannter angeht: Das mag manchen Leser nerven, aber mich hat es weniger gestört. Das war eben das Umfeld und der Lebensstil, den die Ehe mit einem berühmten Schauspieler mit sich brachte. Wer so etwas nicht mag, sollte lieber die Finger von Büchern dieser Art lassen.

Ich finde es merkwürdig, daß Leute hier schreiben, Susanne Juhnke habe nur an sich gedacht - mein Eindruck war das genaue Gegenteil, ich habe eher das Gefühl, daß Harald Juhnke ihr ganzes Leben bestimmt hat - bzw. er und seine Krankheit, denn die beiden haben quasi eine Ehe zu dritt geführt, mit dem Alkohol, dessen fatale Auswirkungen immer wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebten. Seltsamerweise war Harald Juhnke nämlich keineswegs täglich betrunken wie soviele andere, sondern hat es oft Wochen und Monate, ja sogar Jahre ohne seinen Stoff ausgehalten. Es wundert mich wirklich nicht, daß seine Umgebung und eben auch seine Frau in solchen trockenen Zeiten sich der Illusion hingaben, er habe seine Sucht besiegt.

Die Selbstzerstörung eines begnadeten Mimen ist eine Tragödie, und ich habe Mitleid mit allen Beteiligten. Und ja, mir würde es auch gegen den Strich gehen, von der blöden Hera Lind (was ist eigentlich aus der geworden?) öffentlich beurteilt zu werden. Mit den Zähnen knirschen ließ mich etwas anderes, nämlich Susanne Juhnkes endloses Ausharren an der Seite ihres Mannes. Der Alkohol hat nicht nur sein, sondern auch ihr Leben bestimmt, nicht zuletzt das des gemeinsamen Sohnes - ein klassischer Fall von Co-Abhängigkeit, wie hier mehrfach zu Recht festgestellt wird. Susanne Juhnke schildert die Exzesse ihres Mannes wie eine Art Naturkatastrophe, die über einen hereinbricht und gegen die man machtlos ist. Schuldzuweisungen gegen Kellner, die immer weiter Alkohol ausschenken, sind absurd - ihr Mann war schließlich kein Kind mehr, das man vor sich selbst hätte schützen müssen. Daß Juhnke eine Eigenverantwortung hatte, kommt ihr nur selten zu Bewußtsein.

Und dann die Odyssee von einem Arzt zum anderen, allesamt "Spezialisten", die aber noch nie etwas von Co-Abhängigkeit gehört haben und es unterließen, ihr den einzigen sinnvollen Rat zu geben - nämlich den, sich von ihrem Mann zu trennen. Dieser "entsetzliche Gedanke" kommt ihr auf Seite 150, sie setzt ihn aber nicht in die Tat um - leider. Sie hätte diesen Schritt gehen sollen, in ihrem eigenen Interesse und in dem ihres Sohnes, der viele häßliche Szenen miterleben mußte. Und im Interesse ihres Mannes, denn ein solcher Schlußstrich hätte ihn vielleicht zur Besinnung gebracht. Auch wenn ich die Haßtiraden, die hier auf Amazon.de über Susanne Juhnke ausgeschüttet werden, nicht nachvollziehen kann, keimt hier wieder die Frage auf: Hat sie all das aus Liebe zu ihrem Mann ertragen - oder aus Liebe zum Luxusleben im Rampenlicht? Oder vielleicht beides?

Susanne Juhnke hat den Dingen ihren Lauf gelassen, bis ihr Mann sich schließlich um den Verstand gesoffen hat. Daß sie ihn in einem Pflegeheim unterbringen ließ, kann ich ihr nicht vorwerfen, im Gegenteil, es ist das einzige Mal, daß sie NICHT in einer miesen Lage aushält, sondern aus zerstörerischen Verhältnissen aussteigt. Hätte sie das nur früher getan!

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