Bloody Mary
H. F. M. Prescott: The Spanish Tudor
Die englische Königin Maria Tudor gehört zu den vielen Leuten, auf die ich durch die Beschäftigung mit ihrer wesentlich berühmteren Halbschwester Elisabeth I. aufmerksam geworden bin. Ich habe jahrelang nach einer Biographie über sie gesucht. In Deutschland ist sie nur wenig bekannt, sogar zwei meiner Lehrer (Englisch und Geschichte!) haben sie mit Maria Stuart verwechselt... seufz. Einer ihrer Beinamen war "die Katholische", sie hatte also den gleichen Beinamen wie ihre Großmutter Isabella, die sie nie kennengelernt hat.
Prescotts Werk ist erstmals 1940 erschienen und war lange Zeit die einzige Biographie über Maria I.. Das Buch wurde auch vor Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt, ist aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vergriffen. Erst vor zwei oder drei Jahren hat sich wieder eine Historikerin (Linda Porter) des Themas angenommen. 2003 wurde H.F.M. Prescotts Werk neu aufgelegt, und ich habe es in einer Buchhandlung in Finnland entdeckt. Es kostete 15 Euro.
H.F.M. steht für Hilda Frances Margaret. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich hinter den drei Buchstaben H.F.M. spontan einen Mann vermutet habe und überrascht war, als ich den vollen Namen in der Wikipedia gefunden habe - 1940 haben wohl noch nicht soviele Frauen studiert wie heute, und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb die Autorin nicht ihren vollen Namen genannt hat - vielleicht hätte man eine Autorin weniger ernstgenommen? Wie auch immer, H.F.M. Prescott wurde 1896 geboren und ist 1972 gestorben, ihre Biographie über "Bloody Mary" wurde ausgezeichnet und ist ihr bekanntestes Werk. Die neu aufgelegte Ausgabe hat 452 Seiten, und leider ist die Schrift sehr klein - das macht das Lesen etwas anstrengend, ist aber nicht die Schuld der Autorin - daher kein Stern Abzug.
Abgesehen von der Minischrift ist das Buch nämlich sehr leicht zu lesen - die Autorin schreibt sehr schlicht und ungekünstelt, das Werk liest sich fast wie ein Roman. Viel Information und komplizierte Sachverhalte werden sehr leicht verständlich "verpackt"; das Buch beginnt nicht mit Marias Geburt, sondern mit einer Beschreibung von England im 16. Jahrhundert - nicht nur das Leben am Hof, sondern auch das der einfachen leute - sehr spannend!
Maria Tudor war das fünfte Kind Heinrichs VIII. und seiner ersten Frau Katharina von Aragon - und das einzige überlebende, fünf andere kamen tot zur Welt oder starben, wie in einem Fall, kurz nach der Geburt. Die Kindersterblichkeit war ja damals sehr hoch; wie es zu einer Serie von vier Totgeburten kommen konnte, ist nicht geklärt - Historiker und Mediziner streiten bis heute. Eine Theorie ist, daß Heinrich VIII. Katharina mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hatte, aber sicher ist das nicht.
Natürlich waren die Eltern bei Marias Geburt enttäuscht, daß es kein Sohn war, aber, wie Heinrichs Biograph Jasper Ridley feststellt: "Heinrich gewann seine Tochter lieb und war froh, daß wenigstens eines seiner Kinder kräftig genug war, um am Leben zu bleiben." Außerdem hoffte er zu diesem Zeitpunkt noch auf einen Sohn mit Katharina - aber es sollte nicht sein. Zunächst einmal waren er und seine Frau froh, daß sie ein Kind hatten; auch die Ehe der beiden scheint in den ersten Jahren durchaus glücklich gewesen zu sein.
H. F. M. Prescott beschreibt Marias Erziehung - es war der übliche Stundenplan für eine Prinzessin: Sprachen, Musizieren, Tanzen. Ausgerechnet Spanisch, die Sprache ihrer Mutter, hat sie zwar verstehen, aber nicht sprechen gelernt; sie hat mit ihrer Mutter Englisch gesprochen und sehr an ihr gehangen - und ihren glühenden religiösen Eifer übernommen, den Katharina wiederum von ihren Eltern hatte - Ferdinand und Isabella, die gegen die Moslems in den Krieg gezogen waren. Auch Heinrich VIII. war zunächst ein überzeugter Katholik, dem der Papst den Titel "Verteidiger des Glaubens" verlieh. Ebenfalls üblich für eine Prinzessin war die Rolle als politische Schachfigur - Maria hatte mit 9 Jahren schon vier Verlobungen hinter sich!
Die Autorin geht auch auf Erziehungsmethoden in der Renaissance ein, einer Zeit, in der namhafte Pädagogen vor allem eins empfahlen - nämlich Prügel ohne Ende: "Never have the rod off a boy's back, for cherishing marreth sons, but it utterly destroyeth daughters." Viele Eltern haben sich danach gerichtet - die Strenge von Jane Greys Eltern ist sprichwörtlich - , aber glücklicherweise nicht alle - es scheint schon damals gelegentlich Eltern gegeben zu haben, die ihre Kinder auch nach heutigen Maßstäben liebevoll behandelt haben, z. B. die Cecils und die Mores, und Maria Tudors Eltern gehörten auch dazu - Heinrich VIII. zumindest, solange seine Tochter noch keinen eigenen Kopf hatte ...
Die Kindheit war also glücklich - es ging erst bergab, als klar wurde, daß Heinrich und Katharina keinen Sohn mehr bekommen würden. Eine Thronfolgerin konnte Heinrich VIII. sich nicht vorstellen - natürlich deshalb, weil man damals meinte, Politik sei zu hoch für Frauen, aber auch aus einem anderen Grund - eine Nachfolgerin hätte Schwierigkeiten bedeutet, weil eine Königin natürlich heiraten mußte. Bei der Heirat mit einem Ausländer wäre Englands Unabhängigkeit gefährdet gewesen, bei der Heirat mit einem Inländer hätte eine Neuauflage der Rosenkriege gedroht, weil die übrigen Adligen ihrem Standesgenossen die neue Macht mißgönnt hätten. Fairerweise muß man sagen, daß Heinrich mit seiner Befürchtung recht hatte - Marias Ehe mit einem Spanier wurde vom Volk sehr übel aufgenommen, und ihre Nachfolgerin Elisabeth löste das Problem, indem sie gar nicht heiratete - damit war die Dynastie der Tudors allerdings zu Ende.
Zu Heinrichs Sorge um die Nachfolge kam die Liebe zu Anna Boleyn - und er trennte sich von Katharina. "Scheidung" kann man es eigentlich nicht nennen, er wollte eine Annullierung der Ehe. Einen jahrelangen Kampf hatte er sicher nicht erwartet - aber der Papst lehnte die Annullierung ab, und Katharina willigte ebenfalls nicht ein. Es kamen die abenteuerlichsten Vorschläge, einer lautete z. B., Heinrich solle doch Anna Boleyn heiraten, OHNE sich von Katharina scheiden zu lassen - denn Bigamie sei das kleinere Übel! Oder die Idee, Maria Tudor solle ihren Halbbruder (Heinrichs unehelichen Sohn) heiraten! Am Ende des Hin und Her stand Englands Bruch mit Rom und die Gründung der Anglikanischen Kirche.
Die neue Ordnung hieß: Der König ist das Oberhaupt der Kirche, die Ehe mit Katharina ungültig, Maria ein Bastard, Anna Boleyn Königin und Elisabeth rechtmäßige Thronerbin. Heinrich wollte Katharina und Maria großzügig mit Geld und anderen Vergünstigungen abfinden - er hätte es sicher auch getan, die spätere Behandlung seiner vierten Frau Anna von Kleve zeigt das. Aber die beiden protestierten, und das konnte er nicht hinnehmen. Den beiden Widerspenstigen erging es übel: Sie wurden voneinander getrennt und brutal eingeschüchtert; Maria mußte Hofdame ihrer kleinen Schwester werden und viele andere Erniedrigungen hinnehmen. Ab diesem Zeitpunkt zeigte sich, was für ein Mensch Maria Tudor war - H.F.M. Prescott versucht, ihren Charakter zu ergründen und zu erforschen, was ihr wichtig war und was sie für Motive hatte.
Maria Tudor hat für ihre Überzeugungen gekämpft - das war aufrichtig und mutig, aber politisch unklug. Sie hat sich ihrem Vater widersetzt, bis sie am Ende ihrer Kräfte war - erst nach dem Tod ihrer Mutter konnte sie nicht mehr und hat nachgegeben. Prescott schildert, wie ihre Umgebung reagierte: Niemand außer ihr hatte ein Problem damit - auch ihre katholischen Freunde nicht. Die waren zwar gläubig, aber eben auch Politiker und Diplomaten, die wußten, daß man sich ab und zu verbiegen und seine Überzeugungen verraten mußte, wenn man etwas erreichen wollte. Diese unbedingte Aufrichtigkeit und die ewigen Gewissensbisse waren, wie Prescott feststellt, Marias großer Schwachpunkt als Königin - denn für persönliche Gefühle war in der Politik nur wenig Platz. Ich halte eigentlich nicht viel davon, wenn sich Historiker zu sehr in psychologischen Deutungen verlieren, aber Prescott spekuliert nicht nur, sie zitiert z. B. Briefe, die Aufschluß über das Innenleben der Schreiber geben, und zieht dann ihre Schlüsse daraus.
Nach der offiziellen Versöhnung mit dem Vater hatte Maria ein paar ruhige Jahre - die verhaßte Anna Boleyn wurde hingerichtet, nachdem auch sie keinen Sohn geboren hatte, und die kleine Elisabeth ebenfalls zum Bastard erklärt - sicher eine Genugtuung für Maria. 1544 wurden sie und ihre Schwester wieder in die Thronfolge eingereiht, nach ihrem Bruder Eduard - ein einziger Sohn war zuwenig, die Nachfolge mußte gesichert werden, und so hat Heinrich VIII. dann zähneknirschend auf seine Töchter zurückgegriffen. Sie wurden wieder aufgenommen, aber er hat sie nicht wieder legitim gemacht, so daß sie einen merkwürdig unklaren Status hatten.
H.F.M. Prescott beschreibt Marias Alltag - ein zurückgezogenes Leben, das sie - außer mit Beten - vor allem mit Kartenspielen, langen Spaziergängen und Wohltätigkeit verbracht hat. Sie liebte kleine Kinder und wollte heiraten, also eigentlich genau das Leben führen, das damals für eine Frau als angemessen galt. Beim Tod ihres Vaters war sie 30 und nach damaligen Begriffen längst eine alte Jungfer. H.F.M. Prescott erwähnt ein Detail, das zeigt, wie es ihr ging - sie hatte angeblich oft Weinkrämpfe.
Nach dem frühen Tod von König Eduard VI. wurde Maria Tudor 1553 Königin - 37 Jahre alt, also nach den Maßstäben ihrer Zeit längst nicht mehr jung und noch dazu früh gealtert. Auch als Königin hat sie gezeigt, daß sie eben keine Politikerin war - sie hat getan, was ihr Gewissen ihr geraten hat, ohne Rücksicht auf politische Erfordernisse. Prescott: "She had no judgment." Sie wollte den Katholizismus wieder etablieren, und wer nicht mitmachte, mußte mit dem Feuertod rechnen, was ihr den furchtbaren Namen "Bloody Mary" einbrachte.
Religiöse Intoleranz war natürlich keine besondere Eigenschaft von Maria Tudor, im Gegenteil, es war typisch für ihre Zeit. Religiöse Verfolgung und brutale Hinrichtungsmethoden waren damals an der Tagesordnung, viele Herrscher haben so gehandelt wie Maria Tudor - wieso ist ausgerechnet sie als besonders grausam in die Geschichte eingegangen? Wahrscheinlich, weil sie selbst für damalige Verhältnisse eine Fanatikerin war (sogar ihre katholischen Herrscherkollegen haben ihr zur Mäßigung geraten), weil die schiere Zahl der Opfer selbst ihre hartgesottenen Zeitgenossen schockiert hat (250 - 300 verbrannte Ketzer in nur fünf Jahren Regierung), weil sich in England bereits der Protestantismus durchgesetzt hatte und weil den brutal verfolgten Protestanten ein literarisches Denkmal gesetzt wurde - von John Foxe in seinem vielgelesenen "Book of Martyrs". Es will einem Menschen des 21. Jahrhunderts kaum in den Kopf, daß die Leute damals WIRKLICH dachten, das Verbrennen von Ketzern sei nötig für das eigene Seelenheil - und doch war es so.
Privat scheint Maria Tudor keineswegs grausam gewesen zu sein, ganz im Gegenteil, sie war in vieler Hinsicht sogar milder als ihre so maßvolle Schwester Elisabeth. Sie galt als naiv, sentimental und weinerlich und wurde nur wenig respektiert, wie aus den Berichten der Gesandten sehr deutlich hervorgeht. Mitleid, gemischt mit Verachtung, waren die Gefühle, die ihr ihre Umgebung entgegenbrachte. Das ist das Paradoxe an Maria Tudor - der Gegensatz zwischen der gefühlsduseligen Privatperson und dem Ruf der Grausamkeit, den die gnadenlose Protestantenjagd ihr eingebracht hat. Sie war nicht allein bei ihrem Feldzug, auch andere waren beteiligt, z. B. der Bischof Bonner. Aber die Schuld wurde ihr gegeben - zu Recht, denn die letzte Entscheidung lag bei der Königin.
Eine unpopuläre Heirat mit dem spanischen König Philipp II. und zwei eingebildete Schwangerschaften machten sie noch unbeliebter. Es stellte sich heraus, daß sie nicht schwanger war, sondern sterbenskrank - was es genau war, weiß man nicht, vielleicht irgendein Krebs.
Nur 42 Jahre alt ist sie geworden, und erreicht hat sie nichts - nur den Haß ihrer Untertanen und eine jahrhundertelange regelrechte Katholizismus-Phobie der Engländer, deren Wahlspruch "No popery!" wurde. H.F.M. Prescott beendet ihr Werk mit dem Fazit, daß kein englischer Herrscher einen solchen Aufwand betrieben hat und daß keiner so vollkommen gescheitert ist wie Maria Tudor.
Die englische Königin Maria Tudor gehört zu den vielen Leuten, auf die ich durch die Beschäftigung mit ihrer wesentlich berühmteren Halbschwester Elisabeth I. aufmerksam geworden bin. Ich habe jahrelang nach einer Biographie über sie gesucht. In Deutschland ist sie nur wenig bekannt, sogar zwei meiner Lehrer (Englisch und Geschichte!) haben sie mit Maria Stuart verwechselt... seufz. Einer ihrer Beinamen war "die Katholische", sie hatte also den gleichen Beinamen wie ihre Großmutter Isabella, die sie nie kennengelernt hat.
Prescotts Werk ist erstmals 1940 erschienen und war lange Zeit die einzige Biographie über Maria I.. Das Buch wurde auch vor Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt, ist aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vergriffen. Erst vor zwei oder drei Jahren hat sich wieder eine Historikerin (Linda Porter) des Themas angenommen. 2003 wurde H.F.M. Prescotts Werk neu aufgelegt, und ich habe es in einer Buchhandlung in Finnland entdeckt. Es kostete 15 Euro.
H.F.M. steht für Hilda Frances Margaret. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich hinter den drei Buchstaben H.F.M. spontan einen Mann vermutet habe und überrascht war, als ich den vollen Namen in der Wikipedia gefunden habe - 1940 haben wohl noch nicht soviele Frauen studiert wie heute, und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb die Autorin nicht ihren vollen Namen genannt hat - vielleicht hätte man eine Autorin weniger ernstgenommen? Wie auch immer, H.F.M. Prescott wurde 1896 geboren und ist 1972 gestorben, ihre Biographie über "Bloody Mary" wurde ausgezeichnet und ist ihr bekanntestes Werk. Die neu aufgelegte Ausgabe hat 452 Seiten, und leider ist die Schrift sehr klein - das macht das Lesen etwas anstrengend, ist aber nicht die Schuld der Autorin - daher kein Stern Abzug.
Abgesehen von der Minischrift ist das Buch nämlich sehr leicht zu lesen - die Autorin schreibt sehr schlicht und ungekünstelt, das Werk liest sich fast wie ein Roman. Viel Information und komplizierte Sachverhalte werden sehr leicht verständlich "verpackt"; das Buch beginnt nicht mit Marias Geburt, sondern mit einer Beschreibung von England im 16. Jahrhundert - nicht nur das Leben am Hof, sondern auch das der einfachen leute - sehr spannend!
Maria Tudor war das fünfte Kind Heinrichs VIII. und seiner ersten Frau Katharina von Aragon - und das einzige überlebende, fünf andere kamen tot zur Welt oder starben, wie in einem Fall, kurz nach der Geburt. Die Kindersterblichkeit war ja damals sehr hoch; wie es zu einer Serie von vier Totgeburten kommen konnte, ist nicht geklärt - Historiker und Mediziner streiten bis heute. Eine Theorie ist, daß Heinrich VIII. Katharina mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hatte, aber sicher ist das nicht.
Natürlich waren die Eltern bei Marias Geburt enttäuscht, daß es kein Sohn war, aber, wie Heinrichs Biograph Jasper Ridley feststellt: "Heinrich gewann seine Tochter lieb und war froh, daß wenigstens eines seiner Kinder kräftig genug war, um am Leben zu bleiben." Außerdem hoffte er zu diesem Zeitpunkt noch auf einen Sohn mit Katharina - aber es sollte nicht sein. Zunächst einmal waren er und seine Frau froh, daß sie ein Kind hatten; auch die Ehe der beiden scheint in den ersten Jahren durchaus glücklich gewesen zu sein.
H. F. M. Prescott beschreibt Marias Erziehung - es war der übliche Stundenplan für eine Prinzessin: Sprachen, Musizieren, Tanzen. Ausgerechnet Spanisch, die Sprache ihrer Mutter, hat sie zwar verstehen, aber nicht sprechen gelernt; sie hat mit ihrer Mutter Englisch gesprochen und sehr an ihr gehangen - und ihren glühenden religiösen Eifer übernommen, den Katharina wiederum von ihren Eltern hatte - Ferdinand und Isabella, die gegen die Moslems in den Krieg gezogen waren. Auch Heinrich VIII. war zunächst ein überzeugter Katholik, dem der Papst den Titel "Verteidiger des Glaubens" verlieh. Ebenfalls üblich für eine Prinzessin war die Rolle als politische Schachfigur - Maria hatte mit 9 Jahren schon vier Verlobungen hinter sich!
Die Autorin geht auch auf Erziehungsmethoden in der Renaissance ein, einer Zeit, in der namhafte Pädagogen vor allem eins empfahlen - nämlich Prügel ohne Ende: "Never have the rod off a boy's back, for cherishing marreth sons, but it utterly destroyeth daughters." Viele Eltern haben sich danach gerichtet - die Strenge von Jane Greys Eltern ist sprichwörtlich - , aber glücklicherweise nicht alle - es scheint schon damals gelegentlich Eltern gegeben zu haben, die ihre Kinder auch nach heutigen Maßstäben liebevoll behandelt haben, z. B. die Cecils und die Mores, und Maria Tudors Eltern gehörten auch dazu - Heinrich VIII. zumindest, solange seine Tochter noch keinen eigenen Kopf hatte ...
Die Kindheit war also glücklich - es ging erst bergab, als klar wurde, daß Heinrich und Katharina keinen Sohn mehr bekommen würden. Eine Thronfolgerin konnte Heinrich VIII. sich nicht vorstellen - natürlich deshalb, weil man damals meinte, Politik sei zu hoch für Frauen, aber auch aus einem anderen Grund - eine Nachfolgerin hätte Schwierigkeiten bedeutet, weil eine Königin natürlich heiraten mußte. Bei der Heirat mit einem Ausländer wäre Englands Unabhängigkeit gefährdet gewesen, bei der Heirat mit einem Inländer hätte eine Neuauflage der Rosenkriege gedroht, weil die übrigen Adligen ihrem Standesgenossen die neue Macht mißgönnt hätten. Fairerweise muß man sagen, daß Heinrich mit seiner Befürchtung recht hatte - Marias Ehe mit einem Spanier wurde vom Volk sehr übel aufgenommen, und ihre Nachfolgerin Elisabeth löste das Problem, indem sie gar nicht heiratete - damit war die Dynastie der Tudors allerdings zu Ende.
Zu Heinrichs Sorge um die Nachfolge kam die Liebe zu Anna Boleyn - und er trennte sich von Katharina. "Scheidung" kann man es eigentlich nicht nennen, er wollte eine Annullierung der Ehe. Einen jahrelangen Kampf hatte er sicher nicht erwartet - aber der Papst lehnte die Annullierung ab, und Katharina willigte ebenfalls nicht ein. Es kamen die abenteuerlichsten Vorschläge, einer lautete z. B., Heinrich solle doch Anna Boleyn heiraten, OHNE sich von Katharina scheiden zu lassen - denn Bigamie sei das kleinere Übel! Oder die Idee, Maria Tudor solle ihren Halbbruder (Heinrichs unehelichen Sohn) heiraten! Am Ende des Hin und Her stand Englands Bruch mit Rom und die Gründung der Anglikanischen Kirche.
Die neue Ordnung hieß: Der König ist das Oberhaupt der Kirche, die Ehe mit Katharina ungültig, Maria ein Bastard, Anna Boleyn Königin und Elisabeth rechtmäßige Thronerbin. Heinrich wollte Katharina und Maria großzügig mit Geld und anderen Vergünstigungen abfinden - er hätte es sicher auch getan, die spätere Behandlung seiner vierten Frau Anna von Kleve zeigt das. Aber die beiden protestierten, und das konnte er nicht hinnehmen. Den beiden Widerspenstigen erging es übel: Sie wurden voneinander getrennt und brutal eingeschüchtert; Maria mußte Hofdame ihrer kleinen Schwester werden und viele andere Erniedrigungen hinnehmen. Ab diesem Zeitpunkt zeigte sich, was für ein Mensch Maria Tudor war - H.F.M. Prescott versucht, ihren Charakter zu ergründen und zu erforschen, was ihr wichtig war und was sie für Motive hatte.
Maria Tudor hat für ihre Überzeugungen gekämpft - das war aufrichtig und mutig, aber politisch unklug. Sie hat sich ihrem Vater widersetzt, bis sie am Ende ihrer Kräfte war - erst nach dem Tod ihrer Mutter konnte sie nicht mehr und hat nachgegeben. Prescott schildert, wie ihre Umgebung reagierte: Niemand außer ihr hatte ein Problem damit - auch ihre katholischen Freunde nicht. Die waren zwar gläubig, aber eben auch Politiker und Diplomaten, die wußten, daß man sich ab und zu verbiegen und seine Überzeugungen verraten mußte, wenn man etwas erreichen wollte. Diese unbedingte Aufrichtigkeit und die ewigen Gewissensbisse waren, wie Prescott feststellt, Marias großer Schwachpunkt als Königin - denn für persönliche Gefühle war in der Politik nur wenig Platz. Ich halte eigentlich nicht viel davon, wenn sich Historiker zu sehr in psychologischen Deutungen verlieren, aber Prescott spekuliert nicht nur, sie zitiert z. B. Briefe, die Aufschluß über das Innenleben der Schreiber geben, und zieht dann ihre Schlüsse daraus.
Nach der offiziellen Versöhnung mit dem Vater hatte Maria ein paar ruhige Jahre - die verhaßte Anna Boleyn wurde hingerichtet, nachdem auch sie keinen Sohn geboren hatte, und die kleine Elisabeth ebenfalls zum Bastard erklärt - sicher eine Genugtuung für Maria. 1544 wurden sie und ihre Schwester wieder in die Thronfolge eingereiht, nach ihrem Bruder Eduard - ein einziger Sohn war zuwenig, die Nachfolge mußte gesichert werden, und so hat Heinrich VIII. dann zähneknirschend auf seine Töchter zurückgegriffen. Sie wurden wieder aufgenommen, aber er hat sie nicht wieder legitim gemacht, so daß sie einen merkwürdig unklaren Status hatten.
H.F.M. Prescott beschreibt Marias Alltag - ein zurückgezogenes Leben, das sie - außer mit Beten - vor allem mit Kartenspielen, langen Spaziergängen und Wohltätigkeit verbracht hat. Sie liebte kleine Kinder und wollte heiraten, also eigentlich genau das Leben führen, das damals für eine Frau als angemessen galt. Beim Tod ihres Vaters war sie 30 und nach damaligen Begriffen längst eine alte Jungfer. H.F.M. Prescott erwähnt ein Detail, das zeigt, wie es ihr ging - sie hatte angeblich oft Weinkrämpfe.
Nach dem frühen Tod von König Eduard VI. wurde Maria Tudor 1553 Königin - 37 Jahre alt, also nach den Maßstäben ihrer Zeit längst nicht mehr jung und noch dazu früh gealtert. Auch als Königin hat sie gezeigt, daß sie eben keine Politikerin war - sie hat getan, was ihr Gewissen ihr geraten hat, ohne Rücksicht auf politische Erfordernisse. Prescott: "She had no judgment." Sie wollte den Katholizismus wieder etablieren, und wer nicht mitmachte, mußte mit dem Feuertod rechnen, was ihr den furchtbaren Namen "Bloody Mary" einbrachte.
Religiöse Intoleranz war natürlich keine besondere Eigenschaft von Maria Tudor, im Gegenteil, es war typisch für ihre Zeit. Religiöse Verfolgung und brutale Hinrichtungsmethoden waren damals an der Tagesordnung, viele Herrscher haben so gehandelt wie Maria Tudor - wieso ist ausgerechnet sie als besonders grausam in die Geschichte eingegangen? Wahrscheinlich, weil sie selbst für damalige Verhältnisse eine Fanatikerin war (sogar ihre katholischen Herrscherkollegen haben ihr zur Mäßigung geraten), weil die schiere Zahl der Opfer selbst ihre hartgesottenen Zeitgenossen schockiert hat (250 - 300 verbrannte Ketzer in nur fünf Jahren Regierung), weil sich in England bereits der Protestantismus durchgesetzt hatte und weil den brutal verfolgten Protestanten ein literarisches Denkmal gesetzt wurde - von John Foxe in seinem vielgelesenen "Book of Martyrs". Es will einem Menschen des 21. Jahrhunderts kaum in den Kopf, daß die Leute damals WIRKLICH dachten, das Verbrennen von Ketzern sei nötig für das eigene Seelenheil - und doch war es so.
Privat scheint Maria Tudor keineswegs grausam gewesen zu sein, ganz im Gegenteil, sie war in vieler Hinsicht sogar milder als ihre so maßvolle Schwester Elisabeth. Sie galt als naiv, sentimental und weinerlich und wurde nur wenig respektiert, wie aus den Berichten der Gesandten sehr deutlich hervorgeht. Mitleid, gemischt mit Verachtung, waren die Gefühle, die ihr ihre Umgebung entgegenbrachte. Das ist das Paradoxe an Maria Tudor - der Gegensatz zwischen der gefühlsduseligen Privatperson und dem Ruf der Grausamkeit, den die gnadenlose Protestantenjagd ihr eingebracht hat. Sie war nicht allein bei ihrem Feldzug, auch andere waren beteiligt, z. B. der Bischof Bonner. Aber die Schuld wurde ihr gegeben - zu Recht, denn die letzte Entscheidung lag bei der Königin.
Eine unpopuläre Heirat mit dem spanischen König Philipp II. und zwei eingebildete Schwangerschaften machten sie noch unbeliebter. Es stellte sich heraus, daß sie nicht schwanger war, sondern sterbenskrank - was es genau war, weiß man nicht, vielleicht irgendein Krebs.
Nur 42 Jahre alt ist sie geworden, und erreicht hat sie nichts - nur den Haß ihrer Untertanen und eine jahrhundertelange regelrechte Katholizismus-Phobie der Engländer, deren Wahlspruch "No popery!" wurde. H.F.M. Prescott beendet ihr Werk mit dem Fazit, daß kein englischer Herrscher einen solchen Aufwand betrieben hat und daß keiner so vollkommen gescheitert ist wie Maria Tudor.
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