Initialzündung
John E. Neale: Elisabeth I.
Diese Biographie (entstanden in den 1930er Jahren), die ich zu meinem 15. oder 16. Geburtstag bekommen habe, war für mich ein "Startschuß" - die Initialzündung für mein Interesse an Elisabeth I., das auch über 30 Jahre später noch nicht nachgelassen hat.
Das Werk ist ein Methusalem und immer noch ein Standardwerk in der Elisabeth-Forschung. Aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung (Anlaß war die 400-Jahr-Feier des Geburtstags der legendären Königin) erklärt sich auch, daß der Autor die Verfolgung der Protestanten unter Maria der Katholischen - die zweifellos eine Schreckensherrschaft war - als "Holocaust" bezeichnet - es ist VOR der Judenvernichtung erschienen, danach wäre dieser Vergleich natürlich maßlos übertrieben gewesen. Das Lieblingswort des Übersetzers (leider wird kein Name genannt) ist "durchaus", im Original (erhältlich auf Googleplay) habe ich keine Entsprechung dafür gefunden.
Elisabeths Kindheit und Jugend werden gut beschrieben, es wird klar, daß sie schon sehr früh schlau und vorsichtig war und selbst ihren erwachsenen Beratern haushoch überlegen! Sie hat aus Erfahrungen gelernt - daß sie als Thronfolgerin während der Regierung ihrer Schwester Maria umworben wurde, veranlaßte sie dazu, selbst keinen Thronfolger zu ernennen. Hierin unterschied sie sich sehr von ihrem Vater - er war besessen davon, die Thronfolge zu regeln, sie davon, sie NICHT zu regeln.
Der Autor erklärt einfach und leicht verständlich, weshalb Heinrich VIII. unbedingt einen Sohn haben wollte: "Zweifellos bedeutete eine Frau auf dem Thron eine ernste Gefahr. Sie konnte entweder einen ausländischen Fürsten oder einen einheimischen Adligen heiraten. Heiratete sie einen Ausländer, würde England leicht zur Provinz eines anderen Landes herabgewuerdigt. Heiratete sie einen Einheimischen, drohte dem Land der Bürgerkrieg, weil die neue Macht ihres Gatten die Eifersucht des Adels wecken mußte."
Das war wohl auch der Hauptgrund, weshalb Elisabeth nicht geheiratet hat. Es ist natürlich möglich, daß sie eine persönliche Abneigung gegen die Ehe hatte, immerhin hatte sie ein paar abschreckende Beispiele vor Augen. Ihre eigene Mutter und eine Stiefmutter wurden hingerichtet, 2 Stiefmütter starben im Kindbett, und ihr Stiefvater ist ihr, Elisabeth selbst, nachgestiegen. Aber man darf wohl davon ausgehen, daß sie geheiratet hätte, wenn es für England vorteilhaft gewesen wäre - schließlich hat sie immer ihre privaten Wünsche zurückgestellt, wenn es um politische Interessen ging. Auch hier unterschied sie sich sehr von ihrem Vater - er heiratete sage und schreibe sechsmal, seine Tochter nie.
Verwirrend ist, daß der Autor ueber Heinrichs erste Frau, Katharina von Aragon, feststellt: "Katharina war SCHON 42 Jahre alt" - und ein paar Seiten später bemerkt: "Heinrich war ERST 45"! Aber es geht in dem Zusammenhang um das Kinderbekommen, da altert eine Frau bekanntlich schneller als ein Mann - und der Autor ist wirklich KEIN Chauvi (siehe unten)!
Das Buch ist amüsant zu lesen, habe sehr gelacht, als der Autor erklärt hat, wie sehr er mit Elisabeths verschachteltem Schreibstil zu kämpfen hatte! Außerdem dankt er seiner Frau mit den Worten, er verstehe jetzt, warum im Vorwort immer die Frau des Autors erwähnt würde - früher habe er das für eine konventionelle Formel gehalten.
Ja, der Autor ist nicht neutral, er bewundert Elisabeth grenzenlos, besonders im Vergleich mit Maria Stuart steht sie als unschuldsengel da, der sie sicher nicht war.
Ich denke dennoch, daß der Autor Elisabeth im allgemeinen gerecht wird - ihr ewiges Zögern hatte ja seine guten Seiten, so ist sie nie in irgendetwas hineingeschliddert. Ihre Abneigung gegen Blutvergießen und ihre religiöse Toleranz werden zu Recht herausgestellt, denn in dieser Hinsicht war sie ihrer Zeit weit voraus!
Positiv auch, daß der Autor - auch wenn er die Handlungen von Elisabeth, Maria der Katholischen, Maria Stuart oder Katharina von Medici kritisiert - sich NICHT zu chauvinistischen Bemerkungen über die angebliche Untauglichkeit von Frauen für die Politik hinreißen läßt. Das ist keine Selbstverständlichkeit zu seiner Zeit, man lese nur Stefan Zweigs Romanbiographie ueber Maria Stuart (1942), in der es von Kritik an den "ewigen Fehlern der politischen Frauen" nur so wimmelt ...
Diese Biographie (entstanden in den 1930er Jahren), die ich zu meinem 15. oder 16. Geburtstag bekommen habe, war für mich ein "Startschuß" - die Initialzündung für mein Interesse an Elisabeth I., das auch über 30 Jahre später noch nicht nachgelassen hat.
Das Werk ist ein Methusalem und immer noch ein Standardwerk in der Elisabeth-Forschung. Aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung (Anlaß war die 400-Jahr-Feier des Geburtstags der legendären Königin) erklärt sich auch, daß der Autor die Verfolgung der Protestanten unter Maria der Katholischen - die zweifellos eine Schreckensherrschaft war - als "Holocaust" bezeichnet - es ist VOR der Judenvernichtung erschienen, danach wäre dieser Vergleich natürlich maßlos übertrieben gewesen. Das Lieblingswort des Übersetzers (leider wird kein Name genannt) ist "durchaus", im Original (erhältlich auf Googleplay) habe ich keine Entsprechung dafür gefunden.
Elisabeths Kindheit und Jugend werden gut beschrieben, es wird klar, daß sie schon sehr früh schlau und vorsichtig war und selbst ihren erwachsenen Beratern haushoch überlegen! Sie hat aus Erfahrungen gelernt - daß sie als Thronfolgerin während der Regierung ihrer Schwester Maria umworben wurde, veranlaßte sie dazu, selbst keinen Thronfolger zu ernennen. Hierin unterschied sie sich sehr von ihrem Vater - er war besessen davon, die Thronfolge zu regeln, sie davon, sie NICHT zu regeln.
Der Autor erklärt einfach und leicht verständlich, weshalb Heinrich VIII. unbedingt einen Sohn haben wollte: "Zweifellos bedeutete eine Frau auf dem Thron eine ernste Gefahr. Sie konnte entweder einen ausländischen Fürsten oder einen einheimischen Adligen heiraten. Heiratete sie einen Ausländer, würde England leicht zur Provinz eines anderen Landes herabgewuerdigt. Heiratete sie einen Einheimischen, drohte dem Land der Bürgerkrieg, weil die neue Macht ihres Gatten die Eifersucht des Adels wecken mußte."
Das war wohl auch der Hauptgrund, weshalb Elisabeth nicht geheiratet hat. Es ist natürlich möglich, daß sie eine persönliche Abneigung gegen die Ehe hatte, immerhin hatte sie ein paar abschreckende Beispiele vor Augen. Ihre eigene Mutter und eine Stiefmutter wurden hingerichtet, 2 Stiefmütter starben im Kindbett, und ihr Stiefvater ist ihr, Elisabeth selbst, nachgestiegen. Aber man darf wohl davon ausgehen, daß sie geheiratet hätte, wenn es für England vorteilhaft gewesen wäre - schließlich hat sie immer ihre privaten Wünsche zurückgestellt, wenn es um politische Interessen ging. Auch hier unterschied sie sich sehr von ihrem Vater - er heiratete sage und schreibe sechsmal, seine Tochter nie.
Verwirrend ist, daß der Autor ueber Heinrichs erste Frau, Katharina von Aragon, feststellt: "Katharina war SCHON 42 Jahre alt" - und ein paar Seiten später bemerkt: "Heinrich war ERST 45"! Aber es geht in dem Zusammenhang um das Kinderbekommen, da altert eine Frau bekanntlich schneller als ein Mann - und der Autor ist wirklich KEIN Chauvi (siehe unten)!
Das Buch ist amüsant zu lesen, habe sehr gelacht, als der Autor erklärt hat, wie sehr er mit Elisabeths verschachteltem Schreibstil zu kämpfen hatte! Außerdem dankt er seiner Frau mit den Worten, er verstehe jetzt, warum im Vorwort immer die Frau des Autors erwähnt würde - früher habe er das für eine konventionelle Formel gehalten.
Ja, der Autor ist nicht neutral, er bewundert Elisabeth grenzenlos, besonders im Vergleich mit Maria Stuart steht sie als unschuldsengel da, der sie sicher nicht war.
Ich denke dennoch, daß der Autor Elisabeth im allgemeinen gerecht wird - ihr ewiges Zögern hatte ja seine guten Seiten, so ist sie nie in irgendetwas hineingeschliddert. Ihre Abneigung gegen Blutvergießen und ihre religiöse Toleranz werden zu Recht herausgestellt, denn in dieser Hinsicht war sie ihrer Zeit weit voraus!
Positiv auch, daß der Autor - auch wenn er die Handlungen von Elisabeth, Maria der Katholischen, Maria Stuart oder Katharina von Medici kritisiert - sich NICHT zu chauvinistischen Bemerkungen über die angebliche Untauglichkeit von Frauen für die Politik hinreißen läßt. Das ist keine Selbstverständlichkeit zu seiner Zeit, man lese nur Stefan Zweigs Romanbiographie ueber Maria Stuart (1942), in der es von Kritik an den "ewigen Fehlern der politischen Frauen" nur so wimmelt ...
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