Milieustudie

Jane Dunn: Elizabeth and Mary: Cousins, Rivals, Queens

Maria Stuart und Elisabeth I. - wirklich kein neues Thema. Aber auch wenn sich die Autorin auf ausgetrampelte Pfade begibt, sind diese beiden Widersacherinnen doch immer wieder spannend.

Jane Dunn beleuchtet die wenigen Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen der beiden Frauen, z. B. daß beide als Töchter ihren gekrönten Vätern höchst unwillkommen waren. Maria Stuart und Elisabeth hatten auch charakterlich einiges gemeinsam, so waren beide in religiöser Hinsicht bemerkenswert tolerant - zumindest für ihr Zeitalter - , und beide hatten eine ausgeprägte Abneigung gegen Gewalt und Blutvergießen.

Aber die Unterschiede haben doch überwogen, und der entscheidende Gegensatz - der in einer Doppelbiographie besonders gut zur Geltung kommt - ist der, daß Elisabeth es am Anfang schwerhat und Maria Stuart am Ende. Elisabeth hat eine schwere Jugend voller Intrigen, die sie nur mit List und Tücke übersteht - mit Weitsicht und Verstellungskunst feiert sie Erfolge, während Maria, der zunächst alles in den Schoß fällt, alles durch Kurzsichtigkeit und Unbeherrschtheit wieder einbüßt.

Jane Dunn stellt sehr gut dar, daß Elisabeths harte Erfahrungen in ihrer Jugend ein gutes Training für ihr späteres Leben waren, während Marias Aufwachsen als verhätschelte Märchenprinzessin die schlechteste Vorbereitung für das rauhe Leben in Schottland war. Interessant ist Jane Dunns Beurteilung von Marias Mutter Maria von Guise - diese hätte als Witwe sicher nach Frankreich zurückgehen und jemand anderen für die Regierung Schottlands finden können. Warum hat sie sich einer so harten Aufgabe gestellt - nur aus Loyalität zu ihrer Tochter, von der sie annehmen mußte, daß diese ein Leben lang in Frankreich bleiben würde? Jane Dunn glaubt, daß Maria von Guise gar nicht so uneigennützig war, sondern daß sie vielmehr Lust an der Macht hatte und die Rolle als Regentin die einzige Möglichkeit war, eine politische Rolle zu spielen.

Ich bin meistens skeptisch, wenn sich Historiker als Psychologen betätigen, aber Jane Dunn meistert diese Aufgabe gut, wenn sie z. B. einen weiteren interessanten Aspekt betont: das persönliche Umfeld der beiden Königinnen. Maria Stuart wächst auf unter mächtigen Frauen - ihre Mutter regiert selbständig, der Schwiegervater steht unter dem Einfluß seiner Geliebten, auch die Schwiegermutter hat politischen Einfluß, und sie hat vier beste Freundinnen, die vier Marys. Ganz anders Elisabeth - sie kennt Frauen quasi nur als wehrlose Opfer, z. B. ihre Mutter und Stiefmütter und ihre unglückliche Schwester, weshalb sie zeitlebens von Männern mehr hält als von Frauen - eine Feministin war sie ja wahrhaftig nicht.

Nur einmal widerspricht sich die Autorin, und zwar, als sie einmal Maria und einmal deren zweiten Ehemann Darnley beurteilt. Maria Stuart hat mit 15 einem skandalösen Geheimvertrag, ausgeheckt von ihren Onkeln, zugestimmt. Ihre Verteidiger erklären gern, daß eine 15jährige die Lage nicht abschätzen konnte, Jane Dunn jedoch weist - zu Recht - darauf hin, daß 15 in der Renaissance kein so jugendliches Alter war wie heute: 15jährige waren alt genug zum Heiraten, zogen in den Krieg usw. Später dagegen nimmt die Autorin Darnley in Schutz - der vermeintliche Dummkopf habe ja nicht viel Zeit zum Lernen gehabt, da er bei seinem Tod erst 20 war. Das ist nicht fair - wenn eine 15jährige nach damaligen Maßstäben erwachsen war, war es ein 20jähriger doch wohl erst recht ...

Aber das ist eine Kleinigkeit, das Buch ist rundum gelungen, besonders die vielen zitierten Briefe lassen die beiden Hauptfiguren und ihre Zeitgenossen persönlich zu Wort kommen und vermitteln ein sehr lebendiges Bild. Die Briefe zwischen Marie von Guise und ihrer Mutter könnten heutzutage geschrieben sein! Auch das Bildmaterial ist sehr schön.

Deutlich zu merken ist, daß Jane Dunn mit Elisabeth sympathisiert - sie findet sehr kritische Worte für Maria Stuarts Hang zu Pathos und Selbstmitleid und ihren Egoismus, und ihre Bewunderung für Elisabeth ist unverkennbar. Eine Biographin beider Königinnen sollte natürlich möglichst neutral sein, aber da ich selber Elisabeth lieber mag, habe ich ihr das nicht allzu übelgenommen.

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