Puppenmutter

Band 1 der berühmten Reihe "Nesthäkchen" von Else Ury. Die meisten Werke dieser Autorin sind in Vergessenheit geraten, "Nesthäkchen" jedoch nicht, was sicher auch an der Verfilmung aus den 1980er Jahren lag. Die Reihe umfaßt 10 Bände und wurde nach 1945 immer weiter modernisiert und gekürzt, der ursprüngliche Band 4, der den Ersten Weltkrieg aus deutscher Sicht schildert, wurde gar nicht mehr aufgelegt. Wer die Originale lesen wollte, hatte bis 2014 einen schweren Stand, denn er oder wohl eher sie mußte sich die Bände mühsam in Antiquariaten zusammensuchen. Nach Ablauf des Urheberrechts sind sie jedoch alle online.

Band 1 spielt in Berlin einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, also im Kaiserreich unter Wilhelm II. Hauptfigur ist die zu Beginn der Serie 6jährige Annemarie Braun, das jüngste Kind eines Arztes. Sie lebt mit Vater Edmund (ab 1945 Ernst), Mutter Elsbeth, den älteren Brüdern Hans und Klaus, der Köchin Hanne, dem Kindermädchen (das nur "Fräulein" genannt wird), den Hausmädchen Minna und Frieda, dem Hündchen Puck und dem Kanarienvogel in wohlhabenden Verhältnissen. Zur Familie gehören noch Annemaries Großmutter mütterlicherseits, Großtante Albertinchen und ihre Tante Käthe, eine Schwester ihrer Mutter, die in Schlesien verheiratet ist

Annemarie geht in Band 1 noch nicht zur Schule und verbringt viel Zeit mit ihren Puppen, vor allem mit ihrem Lieblingskind "Gerda". Gerdas Erzfeind ist Annemaries Bruder Klaus, ein Frechdachs, wie er im Buche steht, und das Gegenteil des braven Hans. Annemarie laviert dazwischen, sie hat eine artige und eine ungezogene Seite.

Warum sind die Bücher heute noch beliebt? Ich persönlich liebe sie wegen Else Urys Schreibstil - gepflegte Sprache und vor allem sehr viel Humor. Annemarie ist zumindest in Band 1 noch sehr niedlich, und wenn sie nicht immer so handelt, wie sie sollte, dann nicht aus Ungezogenheit, sondern weil sie eben noch nicht so denkt wie Erwachsene - ein bißchen wie "Michel aus Lönneberga". Eines Tages hofft sie auf schlechtes Wetter, doch dafür muß, wie sie aufgeschnappt hat, erst "das Barometer fallen". Dummerweise bleibt das Barometer reglos an der Wand hängen. Annemarie hilft nach ... Dann verliert ihre geliebte "Gerda" ihre Haare, und Annemarie schneidet sich kurzerhand einen ihrer Zöpfe ab, in der Hoffnung, dieser werde ihrem armen Kind anwachsen. Lustig ist auch der Besuch in Schlesien auf dem Bauernhof von Tante Käthe und deren Mann - das Großstadtkind genießt die Freiheit auf dem Land. Nach diesem Urlaub langweilt sich Annemarie zu Hause so sehr, daß ihre Mutter sie in einen Kindergarten schickt - sehr fortschrittlich! Und die Eltern entscheiden, sie NICHT in eine Privatschule zu schicken. Leisten könnten sie es sich wohl, aber man hört heraus, daß das Mädchen möglichst normal aufwachsen soll.

Natürlich ist einiges in dem Buch aus heutiger Sicht politisch nicht korrekt. Klaus spielt mit Soldaten, Kinder bekommen beim Kaffeetrinken nur den Kuchen, den die Erwachsenen übriggelassen haben (wenn nichts übrigbleibt, haben sie wohl Pech gehabt), müssen sich gefallen lassen, daß Erwachsene beim Einkaufen vordrängeln, und gelegentlich gibt es auch ein paar auf den Hintern. Annemaries schwarze Puppe "Lolo" wird als "Negerkind" bezeichnet und ist, wegen ihrer afrikanischen Herkunft, schmutzig und unordentlich. Die Szene, in der Annemaries Mutter ihr den Hintern versohlt, weil sie weggelaufen ist, wurde in der Ausgabe, die ich als Kind gelesen habe, bereits gestrichen, der Ausdruck "Neger" nicht, wohl aber der Vorwurf, "Lolo" sei schmutzig und ordentlich ... Wenn man quasi von hinten anfängt, also erst die neuesten Ausgaben liest, dann die aus den 1950er Jahren und dann die Originale, kommt man sich vor wie bei einer Ausgrabung - man entdeckt immer mehr. Ich finde sämtliche Kürzungen und Modernisierungen unnötig. Kinder können sehr wohl verstehen, daß sich die Zeiten ändern.

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