Schulalltag im Kaiserreich

Band 2 der berühmten Nesthäkchen-Reihe. Die Hauptfigur Annemarie Braun ist 7 Jahre alt und wird eingeschult - ein neuer Lebensabschnitt für sie und für die heutigen Leser (oder wohl eher Leserinnen) ein interessanter Einblick in den Schulalltag im Kaiserreich kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Es ist natürlich eine Mädchenklasse, "Koedukation" war noch nicht üblich, und die erste Klasse ist nach alter Zählung die zehnte - letzteres wurde in den überarbeiteten Auflagen geändert, aber sonst hat dieser Band in späteren Jahren recht wenige Änderungen erfahren.

In der Schule gelten strenge Regeln, und das wird zum Problem für Annemarie - das Lernen fällt ihr leicht, doch mit der geforderten Ordnung und Bravheit hapert es bei ihr. Der Fairneß halber muß man sagen, daß es wohl nicht anders ging - in der Klasse sind nämlich sage und schreibe 50 (!!!) Kinder (das Abitur machen aber später nur 10), und daß da etwas Disziplin nötig ist, versteht sich wohl von selbst. In der Klasse gilt eine Rangordnung, bei der die guten Schülerinnen vorn und die schlechten hinten sitzen. Nicht nur die Leistung wird benotet, sondern auch die sogenannten Sekundärtugenden - Verhalten, Ordnung etc. Bei der Begründung, warum die gehorsame Margot Klassenbeste wird, klingt es sogar so, als würde es NUR um Benehmen und Sauberkeit gehen:

"Dein nettes, artiges Benehmen, dein steter Fleiß und deine musterhafte Sauberkeit haben mir viel Freude gemacht, Margot. Keine verdient den ersten Platz so wie du. Fahre so fort."

Auch Annemaries Mutter erklärt, das wichtigste bei einem kleinen Mädchen seien Ordnung und Benehmen, das sei "mehr wert als alle Sehr gut".

Klassenlehrerin ist eine junge Frau mit dem ulkigen Namen Hering. Sie ist trotz des engen Regelkorsetts nett zu den Kindern, lacht mit ihnen, tröstet, wenn jemand weint, und ist auch nicht nachtragend. Sehr gut fand ich, daß sie keine Gemeinheiten duldet (sie steht einer schüchternen Schülerin bei, als diese ausgelacht wird, und weist ein Mädchen, das sich über einen Schwerhörigen lustigmacht, streng zurecht). Am besten gefällt mir, daß sie Petzen ablehnt! Hier wird übrigens das Wort "Angeberin" noch in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet - gemeint ist eine Petze, weil sie "angibt", was jemand getan hat.

Meine Lieblingsstelle im Buch ist diese hier:

»Wieviel Beine hat ein Schwein, Ilse?« wandte sich Fräulein Hering an die blondzöpfige kleine Ilse Hermann.
»Vier Stück«, antwortete die richtig.
»Alle Tiere haben doch vier Beine«, schrie es lachend dazwischen. Es war Marlenchen mit den schwarzen Haarschnecken.
»So, Marlenchen, ei, sieh mal, wieviel Beine haben denn die Gänse und Enten?«
»Natürlich vier«, rief die Kleine im Ton felsenfester Überzeugung.
Die zehnte Klasse schien über diesen kühnen Ausspruch durchaus nicht verwundert. Die meisten der kleinen Stadtkinder waren genau derselben Ansicht wie Marlenchen."

Das möchte man doch allen besorgten Pädagogen vorlesen, die meinen, Kinder hätten "heutzutage" keinen Bezug mehr zur Natur …

Annemarie findet schnell Freundinnen, und genau wie ihre beiden Brüder zu Hause ist eine der beiden brav (Margot) und die andere frech (Hilde). Margot ist die typische "beste Freundin", die in Mädchenbüchern so oft vorkommt. Die Hauptfigur ist interessant, ihre Freundinnen (und Feindinnen!) ebenfalls - aber die sogenannte "beste" Freundin ist eine Langweilerin und kommt oft genug schlecht weg. So ist es in Enid Blytons berühmter Dolly-Reihe, in der Susanne, die beste Freundin der Heldin, nur eine Tapete für Dolly ist, und auch in Lucy Maud Montgomerys "Anne of Green Gables" ist Annes beste Freundin Diana nur ein Anhängsel der Hauptfigur.

Annemarie selbst hat in allen Bänden der Serie eine brave UND eine freche Seite, aber leider ist sie mir in diesem Buch reichlich unsympathisch. Es war natürlich die Absicht der Autorin, kein klassisches braves Mädchen zu erschaffen, sondern eines, das aus den starren Regeln seiner Zeit ausbricht. Deshalb sind die Bücher auch heute noch beliebt. Aber was sich Annemarie in diesem Band leistet, gefällt mir trotzdem nicht. Sie nennt ihre Lehrerin "Tante", redet dazwischen, ißt im Unterricht, verschlampt Sachen, die ihren Brüdern gehören, und entfernt sich auf einem Schulausflug heimlich von der Gruppe (eine schreckliche Situation für ihre Lehrerin und in einer Zeit ohne Mobiltelefone wohl geradezu traumatisch), fühlt sich über andere erhaben und hält es für selbstverständlich, daß sie Klassenbeste wird. Daß dieses Gör im Betragen "lobenswert" bekommt, finde ich sehr gnädig. Dann läßt sie auch noch ihren Vogel verhungern - das ist natürlich schlimmer als alles andere, aber hier würde ich sagen, daß die Schuld bei Annemaries Eltern liegt. Sie müßten wissen, daß eine Siebenjährige noch zu klein ist, um sich allein um ein Tier zu kümmern. Das Ereignis ist aber typisch für Mädchenbücher - die Heldin hat eine unerwünschte Eigenschaft, alle Predigten stoßen auf taube Ohren, bis dann etwas Schlimmes passiert - das aber auch wieder nicht ZU schlimm ist. In diesem Fall stirbt "nur" ein Tier, im nächsten Band, als eine Frau durch Annemaries Schuld schwer erkrankt, wird sie natürlich wieder gesund.

Am Ende wird eine Reifung suggeriert - Annemarie ist ein braves, ordentliches Mädchen geworden. In Band 3 ist sie wieder die Alte, auch dort kommt am Ende die Wandlung - aber in Band 4 ist alles wieder dahin.

Kommentare

Beliebte Posts