Schuster, bleib bei deinem Leisten!

Phil Zimbardo: Nicht so schüchtern!

"Thema verfehlt" - das würde ich schreiben, wenn dieses Buch ein Schulaufsatz oder eine Uni-Hausarbeit und ich die bewertende Lehrkraft wäre.

Das Buch ist stellenweise durchaus interessant, wenn es auf die Ursachen von Schüchternheit eingeht.

Nur, das Suchen nach den Wurzeln ihrer Ängste hilft den meisten Leuten nicht weiter, sie brauchen eher praktische Tips, und da versagt das Buch leider völlig.

Der Autor schildert zahlreiche Fallbeispiele, aber in denen geht es fast immer um Menschen, die ein Leben lang schüchtern waren und es ewig geblieben sind - von überwundener Schüchternheit war fast nie die Rede.

Geärgert hat mich die Behauptung "Schüchternheit läßt sich immer überwinden" - IMMER? Eine reichlich kühne These, vor allem dann, wenn man kaum Beispiele für überwundene Schüchternheit bringt (bringen kann?)!

Die wenigen Beispiele, in denen Leute ihre Schüchternheit losgeworden sind, sind obendrein wenig überzeugend, eins ist sogar schlichtweg haarsträubend. Ein kleiner Junge ist schüchtern, und seine Mutter macht sich Sorgen. Sie meint, er müsse unter Leute, und daher schult sie ihn vorzeitig ein - mit vier Jahren!!! Da der Kleine solche ANgst hat, darf er eine Papiertüte mit SEhschlitzen über dem Kopf tragen, und zwar jahrelang! Na toll - dieser Junge muß in seiner Klasse ein doppelter Außenseiter gewesen sein, wegen seines Alters und wegen der Tüte. Vielleicht hätte man ihn einfach einschulen sollen, als er das richtige Alter dafür hatte - und dann bitte ohne Tüte, sprich ohne ihn in eine Sonderrolle zu pressen!

Aufgeregt habe ich mich darüber, daß Menschen, die mit über 20 noch keinen Sex hatten, als bedauernswerte und verkorkste Typen dargestellt wurden. Wer der (irrigen) Meinung ist, Sex sei ab einem gewissen Alter eine Selbstverständlichkeit, dem empfehle ich das Buch "Unberührt" von Arne Hoffmann. Die leise Verachtung für ewige Singles, die Zimbardo hier durchblicken läßt, ist mir sauer aufgestoßen.

Die paar Tips zur Überwindung von Schüchternheit kommen erst ganz am Schluß des Buches und wirken lustlos und uninspiriert - das kann jede Briefkastentante besser! Es hat den Anschein, als sei dem Autor plötzlich wieder eingefallen, was das eigentliche Thema seines Buches war ...

Abschließend sei angemerkt, daß ich großen Respekt vor Zimbardos Forschungen habe; auch an seiner persönlichen Integrität und seinen guten Absichten kann kein Zweifel bestehen. Ich denke jedoch, er hätte auf dem Gebiet der Forschung bleiben und darauf verzichten sollen, realitätsferne Praxistips zu geben. Vom wirklichen Leben hat er nämlich leider keinen Schimmer. Ein klassischer Fall von "Schuster, bleib bei deinem Leisten!"

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