Täter-Opfer-Umkehr

Film: Death of a Cheerleader

Zum wievielten Mal rezensiere ich diesen unmöglichen Film jetzt? Nachdem die Seite Ciao.de vom Netz genommen wurde und sowohl Amazon.com als auch Amazon.de meine Bewertungen gelöscht haben, ist dies gefühlt der 10. Anlauf.

Es handelt sich um einen Spielfilm aus dem Jahre 1994, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Mit dabei ist u. a. Tori Spelling, die dem deutschen Publikum aus "Beverly Hills, 90210" bekannt war, und das dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb der Film es ins deutsche Fernsehen geschafft hat; er lief damals bei RTL. Interessanterweise wurde in der deutschen Fassung einiges geändert - aus "Nancy Reagan" wurde "Hillary Clinton" und aus dem Film "Basic Instinct" "Reckless".

Worum geht es?

Der Film beginnt dramatisch. Die 15jährige Stacy Lockwood (Tori Spelling), taumelt schwerverletzt auf ihren Nachbarn zu und sackt blutüberströmt in dessen Armen zusammen. Den Namen des Mädchens, das sie mit einem Messer attackiert hat und das von Zeugen nur ungenau beschrieben werden konnte, kann sie nicht mehr nennen; sie stirbt im Krankenhaus. Dann erfolgt eine Rückblende - 10 Monate zuvor hat an der Santa Mira High School ein neues Schuljahr begonnen.

Angela Delvecchio (Kellie Martin), ein sehr nettes junges Mädchen, ist eine der neuen Schülerinnen. An dieser Schule weht ein scharfer Wind. "It is excellence", gibt der Direktor den Neuen zur Kenntnis, "second-best is simply not good enough." Diese Worte machen Eindruck auf Angela, und sie beschließt, eine der Besten zu werden. In ihrem Umfeld stößt sie auf wenig Verständnis. Ihr Vater geht in seiner Arbeit auf, ihre Mutter in ihrer Religion, ihre große Schwester steht mit beiden Beinen auf dem Boden, ebenso wie ihre beste Freundin Jill, ein sympathisches Mädchen, das in sich ruht und sich nirgendwo anbiedert. Eine andere gute Freundin von Angela, Jamie, hat es geschafft, in die Clicque der hochnäsigen Stacy Lockwood aufgenommen zu werden. Auch Angela will dazugehören und strengt sich mächtig an. Leider hat sie keinen Erfolg - sie wird zwar in den Klub der "Meadow Larks" aufgenommen, darf aber nicht am Jahrbuch mitarbeiten. Und als sie - im Gegensatz zu Supersportlerin Stacy - nicht in die Cheerleadertruppe aufgenommen wird, bricht für sie eine Welt zusammen.

Als Angela Stacy auf eine Party mitnehmen will, kommt es zum Streit zwischen den beiden Mädchen. Angela greift spontan zum Messer und sticht zu; Stacy verblutet im Krankenhaus. Niemand verdächtigt die nette ruhige Angela, alle verdächtigen die rebellische Monica, die Stacy nicht leiden konnte und oft Streit mit ihr hatte. Seltsamerweise braucht die Polizei fast 6 Monate, um Angela auf die Spur zu kommen. Es endet damit, daß Angela sich selbst stellt und verurteilt wird - wegen Totschlags. Im Abspann heißt es, sie habe eine Haftstrafe von 7 Jahren verbüßt und sei danach zur Bewährung freigelassen worden.

Wo ist nun das Problem? Der Film schildert die Ereignisse aus der Sicht der Täterin. Das kann man machen, aber wie es geschieht, ist haarsträubend. Das Opfer erscheint als gemeines Biest, das sich gnadenlos über andere Mädchen lustigmacht, fremde Tagebücher liest und hofft, eine Mitschülerin würde sich das Leben nehmen! Die Mörderin hingegen wird präsentiert als nettes Mädchen, das dem erbarmungslosen Leistungsdruck nicht gewachsen ist und in einem unbedachten Moment die Beherrschung verliert. Man wünscht Angela, die um Längen sympathischer ist als Stacy, ein Happy-End, das es natürlich nicht geben kann. Für Stacy bleibt kaum Mitgefühl übrig, und so ging es mir auch, als ich den Film als Teenager sah. Geschildert wird z. B. das Weihnachtsfest der Familie Delvecchio, als Angela spürt, das sich die Schlinge um ihren Hals zuzieht. Kein Wort über das erste Weihnachten der Familie Lockwood ohne ihre Tochter. Der einzige, der das Opfer bedauert, ist ein FBI-Mann, der zu seinem Kollegen sagt: "Feel sorry for the girl she killed!"

Erst viele Jahre später kam mir der Gedanke, im Internet über die Hintergründe des Falles zu recherchieren. Ich stieß auf die Homepage der Abschlußklasse von 1986, die 2006 ihre 20jährige "reunion" feierte, ich sah die Bilder, hörte die Musik, las den Namen des Opfers auf der Liste der bereits Verstorbenen, und mich überkam ein kaltes Grausen. Es war der Moment, in dem mir klarwurde, daß diese Geschichte eben nicht nur ein Film, sondern wirklich passiert ist.

Ich las also alles, was im Internet zu finden war, und das war eine ganze Menge:

Jahr des Geschehens: 1984
Ort: Orinda (Kalifornien, nahe San Francisco)
Santa Mira High School: Miramonte High School
Schulleiter Ed Saxe: Branislav Yaich
Stacy Lockwood: Kirsten Costas
Stacys Eltern: Arthur und Berit Costas
Angela Delvecchio: Bernadette Protti
Angelas Eltern: Raymond und Elaine Protti
Monica: Nancy Kane

Nebenbei bemerkt war ich erschrocken, wieviel man über Menschen im Internet herausfinden kann. Ich habe sogar den Mädchennamen der Mutter des Opfers entdeckt (Mathisen), und zwar in einem Stammbaum, der zeigt, daß die Familie von Kirstens Mutter aus Norwegen stammt - daher auch die nordischen Vornamen. Der Nachname Costas ist hingegen griechischen Ursprungs.

Sehr bald erwachte dann bei mir auch das Mitgefühl für das Opfer und dessen Familie. Der Film hält sich übrigens sehr an die Fakten, die einzige - und leider sehr schwerwiegende - Abweichung ist die Darstellung der beiden Widersacherinnen Angela und Stacy. Langsam dämmerte mir, wie unglaublich unfair alles war - die Täterin hat ihr Opfer mit Lügengeschichten aus dem Haus gelockt, es dann, als es die Flucht ergriff, gejagt, von hinten mit einem Messer attackiert und dann zurückgelassen. Sie hat auch in Kauf genommen, daß Unschuldige verdächtigt wurden. Als wäre all das noch nicht schlimm genug, wurde danach noch auf das Grab des Opfers - das sich nicht mehr verteidigen kann - gespuckt. Kirsten Costas ist am Straßenrand verblutet, die Öffentlichkeit glaubte der Mörderin jedes Wort, und in einem Artikel des "Rolling Stone Magazine", "Death of a Cheerleader", betreibt der Autor Randall Sullivan eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. Kein Wort darüber, daß die Täterin psychisch krank gewesen sein muß - "a sick kid with serious problems", sagte der Schulleiter, und ich denke, er hatte recht. JEDER erlebt Leistungsdruck und Enttäuschungen, deswegen eine Mitschülerin zu erstechen, ist KEIN normales Verhalten! Dieser Artikel war leider die Grundlage für den Film.

Aber kann es wirklich so gewesen sein? Die Fans des Films, die es nicht einmal schaffen, den Namen des Opfers richtig zu schreiben (sie hieß K-I-R-S-T-E-N, nicht "Kristen", "Krista" etc.), haben kein Erbarmen mit einem ermordeten Teenager. Frappierend, wie locker manche Leute einen Mord nehmen! Einige meinen gar, das Opfer sei ebenso schuldig wie die Täterin, oder sie beschuldigen die Eltern des Opfers (!), sie hätten die Göre halt besser erziehen sollen, und irgendwo hieß es sogar, Bernadette (so hieß Angela in Wirklichkeit) hätte doch auch gleich noch die anderen eingebildeten Trullas abstechen sollen, wo sie schon einmal dabei war ... Wer der Meinung ist, eine 15jährige habe den Tod verdient, weil sie nicht mit einer Mitschülerin befreundet sein wollte, sollte sich überlegen, was in seinem eigenen Leben nicht stimmt. Ein normaldenkender Mensch wird nicht zu solchen Schlüssen kommen.

Der Film gibt sich große Mühe mit der Darstellung der Täterin, bei der des Opfers hingegen nicht. Wer / wie war die wirkliche Kirsten Costas? Die böse Hexe aus dem Film ist einfach nur eine Karikatur, die nicht stimmen kann, sonst hätte sie nicht so viele Freundinnen gehabt. Wo und wie soll man Informationen über sie finden? Auch hier bleibt nur das Internet, aber Informationen muß man sich mühsam zusammenkratzen. Ein nettes Mädchen soll Kirsten gewesen sein, rund um die Uhr trainiert haben für das große Ziel, Cheerleader zu werden - es ist ihr also nicht in den Schoß gefallen, sie hat hart gearbeitet - von dieser Seite des Opfers sieht man im Film überhaupt nichts! Ständig habe sie gejammert über ihre angeblich zu krausen Haare, heißt es in einem Zeitungsartikel - also war sie durchaus auch unsicher wie die meisten Mädchen ihres Alters. Auf der Seite "Find a Grave" melden sich viele ehemalige Mitschüler(innen) zu Wort. Auch auf der Gedenkseite auf Facebook finden sich viele Einträge. Kirsten ist also nicht vergessen, viele Menschen vermissen sie, weil sie nicht da ist, wo sie sein könnte und sein sollte. Ihre Mörderin hat die Schule abgeschlossen, gearbeitet und eine Familie gegründet - Möglichkeiten, die das Opfer nicht mehr hatte. Reue gezeigt hat sie offenbar nie. In einem Blog schreibt jemand, der vor Ort war (gehen wir mal davon aus, daß es stimmt und der Autor der Zeilen kein Trittbrettfahrer ist): "I was there that night. I saw Kirsten's blood squinting out all over my father as she struggled to breathe. She knew she was dying and the horror on her face as she bled out before us was something none of us will ever forget."

Ruhe in Frieden, Kirsten! Ich bin auf deiner Seite.

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