Zuviel Gemeinheit

"Wirbel in Klasse 2" heißt der 2. Band der Reihe um Dolly / Darrell - nicht besonders originell, aber auch nicht schlechter als "Second Form at Malory Towers".

Eine große Rolle spielt die Position des "head-girls". Die deutsche Übersetzung "Klassensprecherin" ist ungenau, es handelt sich nicht um eine Vertreterin der Klasse, sondern um einen verlängerten Arm der Schulleitung (die dann auch bestimmt, wer es wird). Das "head-girl" ist eine kleine Chefin mit einer ganzen Menge Macht - ich habe mir die Augen gerieben, als es hieß, daß die "Klassensprecherin" entscheidet, ob Diebstähle gemeldet werden sollen oder nicht. Die Schulleiterin Miss Grayling vertritt die Ansicht, daß ein guter Charakter mehr wert sei als glänzende Noten, und so wird Darrells beste Freundin Sally zum "head-girl" ernannt und nicht etwa die Klassenbeste Alicia, die auf das Amt gehofft hatte. Alicia ist rasend eifersüchtig und macht Sally das Leben schwer.

3 Neue sind in der Klasse:
Britta Mohr (Belinda Morris)
Diana Türk (Daphne Turner)
Ellen Wieland (Ellen Wilson)

Belinda ist eine begabte Zeichnerin und befreundet sich mit Irene, dem Musikgenie der Klasse. Mit ihr verbindet sie auch ihre katastrophale Zerstreutheit. Belinda zeichnet mit Vorliebe Karikaturen, besonders gern von schlechtgelaunten Zeitgenossen, und macht sich damit bei ihren Mitschülerinnen beliebt. Ellen ist ein ehrgeiziges Mädchen mit Stipendium, das sehr bald in Schwierigkeiten gerät, weil seine Leistungen nicht so blendend sind wie erwartet, und Daphne befreundet sich mit Gwendoline. Gwendoline ist als einzige von Daphnes Erzählungen über den (angeblichen) Reichtum ihrer Familie beeindruckt, die anderen können die Angeberin nicht leiden. Die beiden Französischlehrerinnen sind ebenfalls unterschiedlicher Meinung über Daphne und verkrachen sich sogar ihretwegen. Alicia ist hundsgemein, nicht nur zu Sally, und dann verschwinden auch noch Wertsachen. Ist eine Diebin in der Klasse? Wenn ja, wer? Die Mädchen haben einen Verdacht ...

Als Kind mochte ich dieses Buch überhaupt nicht. Es ärgerte mich nämlich wahnsinnig, daß kurz vor Schluß ausgerechnet Susanne Ärger mit der Schulleiterin bekommt, obwohl sie nun wirklich nichts verkehrt gemacht hat - die Falschbeschuldigung kam von Alice. Deshalb war ich auch positiv überrascht, als ich das Original las. Hier erfährt Miss Grayling nämlich sehr wohl von Alicias Verhalten und ist sehr unzufrieden mit ihr. Überhaupt wird Alicia im Original häufiger und schärfer kritisiert als in der deutschen Version - so begreift Darrell nicht mehr, daß sie noch im letzten Schuljahr unbedingt mit ihr befreundet sein wollte. Und auch Sally bekommt mehr Anerkennung: "You have been fine", sagt Darrell am Ende zu ihr, "you always are." Beim Lesen des Originals habe ich auch etwas begriffen, das mich in der Übersetzung gewundert hatte - Diana / Daphne hat ein Bild einer schönen Frau auf dem Nachttisch stehen, das angeblich ihre Mutter ist. Sie beichtet Frau Greiling / Miss Grayling, daß die Frau auf dem Bild nicht ihre Mutter ist, sondern ein "amerikanischer Filmstar". Ich habe mich gewundert, daß keine der Mitschülerinnen den "Star" erkennt. Aber im Original ist es nur "a beautiful woman".

Aber auch im Original tue ich mich mit manchen Dingen schwer. Asoziales Verhalten unter Teenagern ist natürlich nichts Ungewöhnliches, aber hier ist es einfach zuviel des Schlechten: Eifersucht (Alicia), Prügel (Darrell), Diebstahl (Daphne), Lügen (Daphne); Falschbeschuldigung (Alicia), eine Mitschülerin gezielt in Schwierigkeiten bringen (Alicia) und der Versuch, bei einer Prüfung zu betrügen (Ellen). Alle diese Themen kommen bei Enid Blyton öfter vor, aber es ist keine gute Idee, sie allesamt in ein einziges Buch zu packen.

Die Täuschungsversuche sind eine Sache, die ich nie ganz verstehe - was soll es denn bringen, sich die Aufgaben in der Nacht vor der Prüfung anzusehen? Erstens kann man nicht in einer Nacht versäumten Stoff nachholen, und zweitens ist man dann am nächsten Tag nicht fit. Wer wieder mal schlecht wegkommt, ist die angeblich so böse Gwendoline, obwohl sie in diesem Band eigentlich nichts anstellt. Ihr einziger Fehler ist, daß sie von einer vermeintlichen Millionärstochter geblendet ist - und nicht sofort "Schwamm drüber" sagt, als sie erfährt, daß ihre Freundin gestohlen und gelogen hat. Man sieht sogar ein paar positive Seiten von ihr - sie ist nämlich entsetzt, als Daphne sich Geld leiht und es dann an sie weiterverleihen will. Und: "Gwendoline was in a great dilemma. She and she only knew where Mary-Lou was. If she told she would get Mary-Lou into trouble." Sie will also eine Mitschülerin NICHT in Schwierigkeiten bringen - also ist sie NICHT gemein. Und komischerweise fällt auch niemandem auf, daß sie am Ende zwei Mädchen das Leben rettet - Mary-Lou und Daphne sind beide so leichtsinnig, bei einem Sturm nach draußen zu gehen. Daphne wird als Lebensretterin gefeiert, was sie auch ist - aber rechtzeitig gefunden werden die beiden nur, weil Gwendoline Alarm schlägt. Einen Dank bekommt sie nicht. Sie ist abgestempelt und abgeschrieben, und es spielt keine Rolle mehr, was sie tut. Durchaus realistisch - aber unfair.

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