Sorgenkind

Elke Sauer: Ist das mein Kind?

Hut ab vor Elke Sauer - es gehört eine Menge Mut dazu, die eigene Familiengeschichte so offen und ehrlich zu schildern.

Eine Mutter beschreibt das Aufwachsen ihres Sohnes - ein Wunschkind, geliebt und umsorgt, das aber trotzdem auf die schiefe Bahn gerät. Michael lügt und stiehlt schon im Kindergarten, fliegt aus zwei Lehren, desertiert von der Bundeswehr, nimmt Drogen und landet schließlich im Gefängnis.

In der Schule scheitert Michael kläglich und hat nur 2 gute Noten - in Sport und seltsamerweise auch im Betragen. Von Angesicht zu Angesicht scheint er nicht so schlimm gewesen zu sein, vor allem war er nie gewalttätig. Als eines Tages die Polizei vor der Tür steht und erklärt, Michael habe eine Frau überfallen und ihr die Handtasche entrissen, weiß seine Mutter sofort, daß das nicht sein kann. Außerdem scheint Michael auch sehr anpassungsfähig gewesen zu sein - sogar in Gefängnissen und Suchtkliniken lebt er sich schnell ein!

Ich habe ohnehin NIE an die beliebige Formbarkeit des Menschen geglaubt und bin sicher, daß die Veranlagung eines Kindes eine wesentlich größere Rolle spielt, als es Pädagogen und Psychologen behaupten. Aber dennoch - daß ein Kind SOOO erziehungsresistent sein kann, hatte ich mir bis dahin nicht vorgestellt. Die Eltern strampeln sich ab, und nichts hilft - ich dachte dabei an das nihilistische Zitat "Nothing works", das in Rolf Degens Buch "Das Lexikon der Psycho-Irrtümer" auftaucht. Im Buch scheint auch mehrmals durch, daß Michaels Mutter Elke und sein Vater Peter beide aus schwierigen Verhältnissen stammen - trotzdem sind beide ganz normale Durchschnittsbürger und liebevolle Eltern geworden (Peters Mutter hat einen haarsträubenden Auftritt). So wichtig können Umfeld und "Prägung" nicht sein ...

Ich habe wirklich mitgelitten bei der Lektuere des Buches - mit den Eltern und Michaels jüngerem Bruder, ganz zu Anfang allerdings auch mit Michael selbst, als seine Lernschwierigkeiten geschildert wurden. So eine sinnlose Quälerei habe ich auch erlebt - allerdings "nur" in Mathe, zum Glück nicht auch in Deutsch.

Den kleinen Bruder Andreas fand ich beeindruckend - Elke Sauer hat wohl recht, wenn sie meint, der "Kleine" sei der "Größte" in der Familie gewesen. Alle Schwierigkeiten, die sein Bruder verursachte, mußte er mittragen; seine Mutter hatte auch kein Problem damit, ihn und seine Mitschüler während einer Klassenarbeit zu stören ... Andreas ist der einzige, der Michael klar und nüchtern sieht und als erster kapiert, daß sich dieser niemals ändern wird. Schrecklich, daß auch er für Michaels Verhalten angegriffen wurde.

Was man Michaels Eltern vielleicht vorwerfen kann, ist ihr offenkundiger Mangel an Menschenkenntnis. Bsp.: Michael wohnt einige Zeit bei Freunden, einem angeblich berufstätigen Pärchen. Die Mutter schreibt: "Das berufstätige Paar machte einen prima Eindruck. Da ist Michael doch mal mit richtig vernünftigen Menschen zusammen!" Der Eindruck hat leider getäuscht: "Der Bäcker wußte auch zu berichten, daß das junge Paar keineswegs einem Beruf nachging oder früh aufstand.' Dann hat Michael eine neue Freundin - Pia. Die Eltern sind wieder mal begeistert, bis sie erfahren, daß Pia mit einem Drogendealer liiert war: "Uns packte das Entsetzen. Was sie da sagte, paßte so gar nicht in das Bild, das wir uns von ihr gemacht hatten." Pias Vater ist nicht so naiv, sondern versucht Michaels Eltern zu erklären, daß Pia und Michael Drogen nehmen - die beiden bestreiten das jedoch. Michaels Eltern wissen nicht, wem sie glauben sollen: "Wenn das tatsächlich zutraf, dann konnten die beiden ausgezeichnet lügen!" Also, daß ihr Sohn gut lügen kann, darf den Eltern zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht mehr neu sein! Natürlich hat Pias Vater recht, und als Michaels Mutter das kapiert, telefoniert sie mit ihm. Sie ist völlig entgeistert über seine Reaktion: "Ihm ist längst alles klar! erkannte ich. (...) Woher hat dieser Vater alles gewußt? Woher hat er seine Informationen bezogen?" Ja, woher wohl? Der Mann hat einfach aus Erfahrung gelernt!

Ich habe mich oft gefragt: Wie kann man sich so viel vormachen?, wenn die Eltern immer und immer wieder daran glauben, ihr Sohn werde sich eines Tages bessern. Z. B. erwarten sie, nachdem bereits alle Maßnahmen ins Leere gegangen sind, Wunder von einer Wohngruppe für Haftentlassene, und nur der jüngere Sohn begreift, daß Michael niemals in eine solche eintreten wird. Aber nun gut - wie schwer muß es auch sein, das eigene Kind aufzugeben?

Absolut desillusionierend ist auch, was Elke Sauer über die Weisheiten vermeintlicher Fachleute zu berichten hat:

"Meine Gespräche mit der Lehrerin verliefen grundsätzlich dahingehend, daß ich mit dem Kind intensiver Hausaufgaben zu machen hätte. Michael sei klug genug, und es sei meine Pflicht, ihn zu besserer Arbeit anzuhalten. Vorhaltungen statt Hilfe!"

Und:

"An der Schule wurden Tests durchgeführt, die Michael eine durchschnittliche, der Norm entsprechende Intelligenz bescheinigten. Trotzdem war er nicht in der Lage, Worte in Buchstaben zu zerlegen."

Und:

"Der Fachmann konnte keine meßbaren, von der Norm abweichenden Werte feststellen. Michael war vollkommen gesund und auch nicht dumm."

Oder:

"Michael verfüge über eine durchschnittliche Auffassungsgabe, mit der er durchaus gute Leistungen an der Hauptschule erbringen könne. Warum letzteres nicht der Fall sei - auf diese unsere Frage antwortete der Psychologe nur unpräzise."

Mit anderen Worten, die Familie ist hinterher genauso schlau wie vorher!

Irgendwann sieht Elke Sauer ein, daß Michael sich niemals ändern wird: "Es kam der Punkt, da sich die Diskussionen um Michael erschöpft hatten. Alles war längst gesagt worden. Die Beeinflussung des Unmöglichen hatte nicht stattgefunden." Von da an kann sie gelassener mit Michaels Lebensstil umgehen, sich von seinem kriminellen Alltag distanzieren und ihn trotzdem weiterhin lieben. Das Buch endet mit der heilsamen Resignation der Eltern, die den schweren Entschluß fassen, Michael nach seiner soundsovielten Haftstrafe nicht mehr zu Hause aufzunehmen - nicht, weil sei ihn nicht mehr lieben, sondern weil sie nicht mehr können.

Andreas Sauer (der kleine Bruder) versichert am Ende des Buches in einem Nachwort, alles habe sich wirklich so zugetragen - die Beteuerung hätte ich nicht gebraucht, das Buch ist absolut glaubwürdig - und fügt hinzu, vieles habe seine Mutter nicht erwähnt - o Gott!

Ein paar Jahre später hat Elke Sauer noch ein Buch geschrieben. "Mein Jakobsweg" heißt es. Darin thematisiert sie ihre Krebserkrankung (ja, ihr ist wirklich nichts erspart geblieben). Ich habe es gelesen, weil ich wissen wollte, wie es mit der Familie weitergegangen ist. Sohn Andreas ist Professor für Mathematik geworden, Michael lebt nicht mehr - er ist an einer Überdosis Heroin gestorben, und seine Eltern sind zu dem Schluß gekommen, daß er ADHS hatte. Ferndiagnosen, noch dazu nach dem Tod des Betroffenen, sind sicher mit Vorsicht zu genießen, aber sie trifft in diesem Fall wohl zu. Elke Sauers Erleichterung, endlich eine Erklärung zu haben, zu wissen, daß sie und ihr Mann keine Schuld hatten, kann ich gut verstehen.

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